Archive for February 2012
Kunst und Affirmation V: die Revolutionaere
Vielleicht noch eine Bemerkung zu jenem ‘Che’-Phaenomen: ohne mich hier zu sehr mit ‘linken Idealen’ in Opposition zu begeben, lassen sich, wie man nicht umhin kommt festzustellen, doch nicht unerhebliche Beruehrungspunkte zwischen der Biographie des Gottvaters aller Revolutionaere und den veganen Muesliessern einer Scherer 8 oder Kreuzberger Schinke09 aufzeigen: man kommt im allgemeinem aus gutbuergerlichem Hause, hat studiert, hat womoeglich seine/Ihren Marx gelesen und befindet sich nach initialem Durchlaufen dieser gesellschaftlichen Konditionierungsphase in vielerlei Hinsicht der Position Che Gueveras naeher als der seiner ungezaehlten Mitstreiter und diese ist: eine Art elaboriertes Mitgefuehl mit den Armen und Entrechteten, ein diffuses Oppositionsgefuehl den ‘eigentlich Maechtigen’ gegeneueber, dabei aber immer so eine Art Privilegiertenrolle in der scheinbar anarchistischen Position wahrend, d.h. wir entscheiden wer Staub frisst zum Wohle der Revolution, wir sind diejenigen, fuer die sich alle in den Kugelhagel werfen, wir sind sogar diejenigen, die nicht einmal der Feind wagt, in allzu billiger Position zu erschiessen. In dieser Lesart ist Che im Geiste ungefaehr oder nahtlos bei der Scherer 8 anzusiedeln und die Leute, die auch Che Guevera im Zweifelsfalle, naemlich etwa bei Verrat oder Desertion oder auch nur Zuwiderhandlung ziemlich kurzerhand erschoss/an die Wand stellen liess, das sind die Leute von gegenueber, die streetfighter. Und so kann man diesen im Grunde kaum uebelnehmen, dass sie wahrscheinlich nur zu genau wissen, dass sie das Kanonenfutter fuer eine ‘Revolution’ sind, die an ihrer Situation und Armut wenig, an dem Renommé der buergerlichen Scherer8-Leute und ‘Revolutionsfuehrer’ in spe aber umso mehr aendern wird, eine Revolution, die die Privilegien der sprichwoertlichen 1% abschaffen soll, die aber in ihrer allzu abstrakten Gleichheitsproklamation (hier liebt man die Abstraktheit einmal) die Vorherrschaft des Buergertums auf tautologische Weise erhaelt. Und so hat auch Che Gueveras Werdegang und dessen Abgruende bedrueckende Aehnlichkeit mit der Biographie Louis-Ferdinand Célines, der, wie Che, als Arzt sich gleichzeitig fuer das Leiden der Armen in prosaischen Worten erwaermte und andererseits (siehe ‘Voyage au bout de la nuit’) deren Tod und Leiden an nicht wenigen Stellen in fast haemische Worte kleidete, zu sehr waehnte man sich dann doch von ‘anderem Kaliber’, etwa als man den Tod einer Tochter aus armer Familie nach einer illegalen Abtreibung im Beisein der vor allem um ihren Ruf besorgten, Familie beschreibt und den Helden des Romans, einen Arzt, gleichzeitig angewidert und beruehrt, nichts unternehmen laesst um den sicheren Tod der Frau abzuwenden. Und natuerlich das Buergertum, die Medizinergilde, die immer schon dort zu helfen meint, wo es im Grunde vor allem darum geht, ihr Weisungsrecht ueber Leben und Tod aufrechtzuerhalten, zu etablieren, eisern zu verteidigen, hier stecken die Keime des europoaeischen Faschismus und Kolonialismus womoeglich tiefer als in jeder anderen Zunft und Che Guevera bezeugt spaetestens hier unfreiwillig, wie tief er dem europaeischen Denken verhaftet ist, das ganz abseits der Mathematik, die Technik, die wissenschaftliche Terminologie und das kuehle Abwaegen im Angesicht der Menschenleben, den bodycount, ueber die Gnade und die Moral stellt:
During the guerrilla campaign, Guevara was also responsible for the sometimes summary execution of a number of men accused of being informers, deserters or spies.[68] In his diaries, Guevara described the first such execution of Eutimio Guerra, a peasant army guide who admitted treason when it was discovered he accepted the promise of ten thousand pesos for repeatedly giving away the rebel’s position for attack by the Cuban air force.[69] Such information also allowed Batista’s army to burn the homes of rebel-friendly peasants.[69] Upon Guerra’s request that they “end his life quickly”,[69] Che stepped forward and shot him in the head, writing “The situation was uncomfortable for the people and for Eutimio so I ended the problem giving him a shot with a .32 pistol in the right side of the brain, with exit orifice in the right temporal [lobe].
Und es ist bezeichnend, dass es, wie schon im Falle Célines, gerade die Protagonisten der eher ‘weichen empirischen Wissenschaften’ sind, die das eigene Ruestzeug, die (scheinbar) ‘wissenschaftliche Perspektive’, im Zweifelsfalle ueber das Leben der anderen stellen und dieses vollstaendig hierdurch perzipieren, denn es gibt keine Zweifel, keine Fallstricke im dehnbaren Formalismus, kein oder wenig Bewusstsein der Grenzen des eigenen Weltbildes und es ist bemerkenswert, dass Celine sich in aehnlicher Weise fuer das Leid der Versuchstiere einsetzt wie er den Tod der Schwangeren mit Haeme schildert, die Versuchstiere sind am Ende nicht diejenigen, die er ein wenig doch fuerchtet, an denen sich am Ende doch entscheidet, welches Andenken ihm gesetzt wird, an denen sich entscheidet, ob er als grosser Revolutionaer oder als kleingeistiger Vorteilsnehmer in die Geschichte eingeht.
Kunst und Affirmation IV: die Verbrecher
Zum Thema der allfaelligen scheinbaren oder tatsaechlichen Verquickung von Geist und Rationaliaet und Krieg haben andere schon vor uns gar bemerkenswertes geschrieben, der Glaube daran, dass die Seele allein die Menschen vor dem Untergang zu bewahren faehig sei, trachten wuerde, Macht habe, beseelte Generationen von Europaern vor uns, deren Seelen dem Untergang vielleicht nur aus einer Laune des Zufalls heraus schliesslich entkamen. Lesen wir deshalb dies, vielleicht ein Text wie er nur im Deutschland, in Bezug auf das Deutschland der zwanziger und dreissiger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte entstehen koennen:
Man braucht wirklich nicht viel darüber zu reden, es ist den meisten Menschen heute ohnehin klar, dass die Mathematik wie ein Dämon in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist. Vielleicht glauben nicht alle diese Menschen an die Geschichte vom Teufel, dem man seine Seele verkaufen kann; aber alle Leute, die von der Seele etwas verstehen müssen, weil sie als Geistliche, Historiker und Künstler gute Einkünfte daraus beziehen, bezeugen es, dass sie von der Mathematik ruiniert worden sei und dass die Mathematik die Quelle eines bösen Verstandes bilde, der den Menschen zwar zum Herren der Erde, aber zum Sklaven der Maschine mache. Die innere Dürre, die ungeheuerliche Mischung von Schärfe im Einzelnen und Gleichgültigkeit im Ganzen, das ungeheure Verlassensein des Menschen in einer Wüste von Einzelheiten, seine Unruhe, Bosheit, Herzensgleichgültigkeit ohnegleichen, Geldsucht, Kälte und Gewalttätigkeit, wie sie unsere Zeit kennzeichnen, sollen nach diesen Berichten einzig und allein die Folge der Verluste sein, die ein logisch scharfes Denken der Seele zufügt! Und so hat es auch schon damals, als Ulrich Mathematiker wurde, Leute gegeben, die den Zusammenbruch der europäischen Kultur voraussagten, weil kein Glaube, keine Liebe, keine Einfalt, keine Güte mehr im Menschen wohne, und bezeichnenderweise sind sie alle in ihrer Jugend- und Schulzeit schlechte Mathematiker gewesen. Damit war später für sie bewiesen, dass die Mathematik, Mutter der exakten Naturwissenschaft, Grossmutter der Technik, auch Erzmutter jenes Geistes ist, aus dem schliesslich Giftgase und Kampfflieger aufgestiegen sind.
Und vielleicht noch dies, zur Besinnung und zum Entsetzen:
Wenn man statt wissenschaftlicher Anschauung Lebensanschauung setzen würde, statt Hypothese Versuch und statt Wahrheit Tat, so gäbe es kein Lebenswerk eines ansehnlichen Naturforschers oder Mathematikers, das an Mut und Umsturzkraft nicht die grössten Taten der Geschichte weit ubertreffen würde.
(Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften)