la monodromie dialectique

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Archive for January 2012

Kunst und Affirmation III: die ‘habituellen Linken’

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Soweit zur ‘Seele’, um aber den Erfolg der Harzheim’schen Ideen zu verstehen, naemlich ‘links zu leben’ und rechtsextrem zu schreiben und zu denken, ist zweifellos eine genauere Studie der ‘Vordenker’ der neurechten Bewegung(en) in Deutschland vonnoeten, und wie ein wenig Stoebern kurzerhand aufdeckt: dieses Ineinandergreifen von scheinbar ‘sozialistischen Ideen’ und jenen des ‘Volkes’ findet man in Deutschland spaetestens seit den siebziger Jahren im Dunstkreis eines Henning Eichbergs am originellsten formuliert, weswegen wir uns diesem hier kurz zuwenden wollen. In Eichbergs Denken findet sich so ziemlich alles, das man im Kreuzberg der ‘Krisenjahre’ nicht geradezu bis zum Exzess gefunden haette: eine scheinbare ‘Entideologisierung’ des ‘rechts-links-Begriffes’ zugunsten einer wie von ihm formuliert eher ‘Habitus’-orientierten Deutung, in diesem Sinne waren die Nazis vor allem deshalb nicht links, weil sie ‘militaristisch, maennerzentriert und gewalttendent’ waren, andere, im ‘konventionellen Diskurs’ sozusagen ‘fehlgewichtete’ Eigenschaften der Nazis, als da waeren, ihr voelkischer Nationalismus, ihr Antisemitismus und Anti-Universalismus gerinnen da eher zur Fussnotenbedeutung und bleiben Eichberg so uebrig, sein ureignes ‘linkes Weltbild’ zu zimmern, Brodkorb und ‘Endstation rechts’ helfen gern:

(Frage)Habe ich das ansonsten richtig verstanden? „Links“ bedeutet für Sie, von unten zu denken, vom „Volk“, ausgehend vom Emanzipationsaspekt? Und „rechts“ bedeutet für Sie, in Hierarchien und von oben zu denken, ausgehend vom Herrschaftsaspekt?

Eichberg: Ja, das ist unter den Bedingungen der modernen Demokratie der grundlegende Widerspruch. Mit anderen Worten: Rechts denkt man von der Macht aus, sei es von der Macht des Marktes und des Produzierens oder von der Macht des Staates – und des Kriegs. Links denkt man vom Volk aus – wer immer das sei – und das ist der Blickwinkel von Kritik, Empörung, Veränderung oder auch – mit Peter Sloterdijk zu sprechen – Zorn. Zwischen diesen Grundhaltungen gibt es Übergänge und auch Mischformen, aber keinen Dritten Weg.

Soweit, so Kreuzberg-kompatibel, mit der kleinen Einschraenkung vielleicht, dass man unversehens das aufklaererische und in linken Kreisen nach wie vor nicht ganz untergegangene (allen Anthroposophen-Bemuehungen zum Trotz) Wort vom ‘Individuum’ durch das viel griffigere ‘Volk’ ersetzt (warum werden wir unten noch sehen) und unter diesem Gesichtspunkt gerinnt dann auch alles, was man ehedem vielleicht jenem ‘Volk’ haette ankreiden koennen, zu dessen legitimem Rechtsanspruch: der Antisemitismus der Deutschen und Europaer war ihre ‘Eigenart’ und Auschwitz ihre ‘Befreiung’, dass Brodkorb diese Art von Zuspitzungen in seinen Fragen tunlichst vermeidet, wirft nur ein Schlaglicht auf die ueberaus Nationalismus-affirmative Grundausrichtung des Gespraechs, die Eichberg ein weites Forum eroeffnet, seine Ideen von der Mitte nach links und zurueck nach rechts, gewissermassen, zu rollen, Grundthema seiner Identitaetsfindung war dabei immer sein regionaler Zusammenhang, wie er fast bei jeder Frage, die eigentlich seine eigentuemliche ‘Wendung’ von extrem-rechts nach ‘links’ in irgendeiner Weise glaubhaft machen will, einwirft, die Worte ‘linksnational’, ‘das Volk’, ‘die Befreiung der Voelker’ fehlen dabei in keiner seiner ziemlich eitlen Selbstbespiegelungen und lassen doch mit schoener Regelmaessigkeit den Machtbegriff genau dort auf wundersame Weise fort, sobald es darum geht, die Selbstbefreiung der achso unterdrueckten deutschen Nation mit den antikolonialen Befreiungskaempfen anderer Gesellschaften auf wirklich geradezu groteske Art gleichzusetzen:

Der eigentliche Perspektivenwechsel im Inhaltlichen, im ideologischen Überbau sozusagen, machte sich an der Bedeutung unterdrückter Völker und ethnischer Minderheiten fest. Hier spielten meine Irland-Reise 1971 und der Kontakt mit irischen Republikanern eine wichtige Rolle [koestlich]. (..) In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre liefen diese Übergänge dann bei mir persönlich schrittweise auf eine neue Identität bei der Neuen Linken hinaus. Das wurde gefördert zunächst durch die Auflösungserscheinung der marxistisch-leninistischen Orthodoxie, also die Öffnung der Ex-Maoisten und Spontis, und dann durch Rudi Dutschkes Wendung zur nationalen Frage [!]. Sie machten es möglich, dass meine Artikel zur nationalen Frage jetzt in Zeitschriften des linkssozialistischen, antiautoritären und anarchistischen Spektrums erschienen. Meine politische Position speiste sich damals also aus vier Elementen: dem Verständnis der nationalen Frage als demokratische Selbstbestimmung und Abkoppelung vom westlichen Kapitalismus, dem Traum von einem genossenschaftlichen Sozialismus, der Demokratie als Kernfrage (dass mir dies erst so spät aufging, hatte ich auch mit der Neuen Linken gemeinsam; entsprechendes gilt für die Friedensfrage) sowie der grüne Frage. Und bei alledem stand immer der Kampf gegen die Globalisierung und den Neoliberalismus als Klammer und Quelle der Entfremdung im Hintergrund.

Sicherlich, bei alldem verschwindet vor allem das allzu ‘Voelkische’ im eigenen Denken elegant als eher sekundaerer Aspekt im Gefolge einer scheinbar natuerlichen ‘Oeffnung’ emanzipativer linker Positionen zum guten alten Nationalismus europaeischer Praegung, der ja rein gar nichts mit den Menschheitskatastrophen der vorangegangenen Jahrzehnte zu tun gehabt hatte, gewissermassen eher unverbunden neben diesen gestanden hatte und nur darauf gewartet hatte, von den emanzipativen Bewegungen der ‘Voelker’, namentlich aber ausgerechnet von Dutschke, Eichberg und natuerlich Brodkorb in seiner ganzen Unschuld (nur wozu eigentlich?) wiederentdeckt zu werden. In Daenemark angelangt endlich, frisch befreit von der Vergangenheit, ersetzt man das allzu negativ belastete Wort ‘voelkisch’ durch das ein wenig verniedlichende und Hippie-kompatible ‘volklich’ und folgert:

Damit [mit seinem Umzug..] verschwand die nationale Frage jedoch keineswegs. Sie nuancierte sich jedoch und stellte sich auf andere Weise. Das zeigte sich dann an meinem Milieuwechsel nach Dänemark 1982. Nun waren Milieu und Thematik bestimmt von Volkshochschule und linkem Volksbegriff (dänisch folk), Grundtvigianismus und “volklicher“ Kulturkritik, Insellagern und dänischer Hippiekultur, unorthodoxer Linker, Socialistisk Folkeparti, Dritte-Welt-Solidarität und skandinavischem “Linksnationalismus“.

Die Simplizitaet, mit der Eichberg in der Folge des Interviews sowohl den Extremismus- als auch den ‘rechts/links’-Begriff auf eine ziemlich heuchlerische ‘habituelle’ Ebene stellt, auf der jeder, der nicht per se ‘gewalttaetig’ ist oder offen militaristisch auftritt, als Linker und Nicht-Extremist erscheint, jeder der aber, aus welchen Gruenden auch immer, zur Gewalt neigt, und Arendt wuerde da ganz anders argumentieren, mehr oder weniger ein rechter Extremist ist, zeigt wieviel ihm die ‘Befreiung der Voelker’ in Wirklichkeit wert ist: in seinem Herzen ist Eichberg ein Salonfaschist, der gewissermassen die Dreckarbeit anderen, die ideologische Vorbereitung, eben exakt *indem* er die Ideologie, die Inhalte und die Ideen scheinbar verneint und sie durch seinen wohlfeilen Rotwein-Habitus ersetzt, aber zu seiner Sache macht. Selbstbefreiung der Voelker: bitte, aber nur innerhalb eines Ideenkosmos, in dem Machtdifferenzen, auf denen der europaeische Kolonialismus fusste, unsichtbar werden und damit die Gewalt gegen moerderische [europaeische!] Kolonialherrschaft in letzter Konsequenz auf derselben Skala wie die Gewalt der deutschen Nationalsozialisten erscheint, die nach Eichbergs Lesart und immer unausgesprochen nur dort nicht mehr ‘links’ waren, wo sie allzu rabiat auf den Massenmord konvergierten, alles andere ist/war aber nach Eichbergs Lesart mehr oder weniger unumgaenglich zur ‘Selbstbefreiung der [europaeischen] Nationen’ (“Balkanisierung fuer jedermann”). Abseits dieser Nationen (von ihm weiterhin archaisierend ‘Voelker’ genannt) aber existiert fuer Eichberg das Menschliche schlichtweg nicht und welche Gewalt, natuerlich niemals offen bejaht, allein in diesem Konstrukt steckt, verschweigen sowohl Interviewer als auch der Interviewte selbst wohlweislich, schliesslich hat sich Brodkorb ja nicht umsonst als grosser Sarrazin-Fan geoutet. Aber lesen wir vorlaeufig abschliessend an anderer Stelle einige klare Worte:

Neurechts-nationalrevolutionaer orintierte Vordenker wie Henning Eichberg traten breits ende der siebziger mit der Kampfansage “Ethnopluralismus gegen Universalismus” in Erscheinung. An die Stelle des menschlichen Universalismus sollte das “Nebeneinander” ethnisch homogener Gesellschaften treten. “Wer von den Voelkern nicht sprechen will, soll von den Menschen schweigen”, so Eichberg. Die Absage an das menschliche Gleichheitsprinzip wirkt identitaetsstiftend fuer saemtliche Stroemungen der extremen Rechten.
Im neurechten Weltbild ist es die ethnisch hergeleitete Nation, welche sich einer angeblichen ‘Fremdherrschaft’ zu erwehren hat. Das geistige Band, durch das jene ziemlich heterogenen Kraefte, die als ‘neue Rechte’ firmieren, zusammengehalten werden, bildet der voelkische Nationalismus-zugleich identitaetsstiftend fuer das gesamte Feld des organisierten Rechtsextremismus. Wie die ‘Rasse’, so ist auch die ‘Nation’ eine soziale Konstruktion, wobei letztere sich auf einen souveraenen Staat und dessen Gewaltmonopol bezieht. Nationalismus und Rassismus bilden als Ideologien sozialer Ungleichheit zwei Seiten einer Medaille.

Written by andreask9

January 15, 2012 at 11:36 pm

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Kunst und Affirmation II: Kameradin

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Und unversehens sieht man sich in eine Zwischenwelt, in eine Art Zwielicht geschleudert, wenn man sich fragt und zu fragen gezwungen sieht, was das denn waren fuer Frauen, die sich spaeter als die Freunde jenes Agitators und Menschenfeindes wiederfanden und man sieht sich gezwungen zu fragen was das fuer Frauen waren, die sich spaeter in diese Tochter des ueberlebensgrossen Schriftstellers phantasierten und und man fragt sich was sie denn waren, was sie getrieben hat und man bekommt zur Antwort: wir sind Menschen und wir haben geliebt, Andreas. Man sieht sie noch vor sich diese Frau, die man in jenem Kreuzberger Theater kennenlernte und die einen ploetzlich ansprach und ihr Blick sagte: ich kenne dich, ich weiss wer du bist und der man halbstundenlang von Mathematik erzaehlte, aus Angst, das Thema oder sich selbst zu verlieren, sich zu verlieren im Ungefaehren und sie nicht mehr zuhoerte und die irgendwann fragte, ohne etwas zu sagen, wir kennen uns erst eine Stunde, aber wir sind einsam, ich weiss du bist einsam und was ist deine Richtung nachhausezugehen? Und der man antwortete, ohne etwas zu sagen, was ist meine Richtung, also diese es ist weit und umstaendlich und wir koennten, aber denke doch nur diese Gefahren und überhaupt wie unaufgeraeumt meine Wohnung und du hast ja keine Vorstellung was koennte denn passieren, was koennte passieren in dieser Nacht. Und die man darob verstiess, deren Blick gesagt hatte, dieser Augenblick wird vielleicht niemals wiederkehren und man hatte es gewusst, dass dieser Augenblick nie wiederkehren wuerde und sie war ins Dunkel der Nacht verschwunden ohne einen Blick. Und es waren diese Frauen, die einem in einem schnellen Entschluss direkt auf der Wrangelstrasse vors Damenfahrrad liefen, die man noch anbruellte, nachdem man ihnen in einem scharfen Bogen ausgewichen war und die man dann ansprach, ohne sich zu entschuldigen und deren Augen sagten: ich kenne dich, ich weiss wer du bist. Diese Frauen, die sagten, sie moegen dieses Staatstheater nicht, dieses offizielle Theater, als man zufrieden in einem Buch blaetterte vor einem Antiquariat, das eben dieses Staatstheater darstellte und man hatte nichts sagen koennen, man war verlegen geworden, weil man ja im Grunde wenig anderes kannte als das: das Staatstheater und diese Frauen hatten spaeter gesagt: ich habe dir diese falsche Nummer gegeben Andreas, aber ich habe es nicht mit Absicht getan. Und es waren jene Frauen gewesen die gesagt hatten oder es angedeutet hatten, dass ihre Eltern aus Marokko gefluechtet waren, oder aus Tunesien, dass sie politische Fluechtlinge gewesen waren und sie in Reinickendorf aufgewachsen war, als Kind einer juedischen Familie aus Marokko, aber das hatte sie ja nicht gesagt, als wir dort sassen, in jenem veganen Restaurant an der Wiener Strasse und wir gluecklich gewesen waren, gluecklich fuer diesen Moment uns hier gefunden zu haben. Und sie hatte gesagt: Andreas, ich habe eine Auffuehrung in vier Wochen, wirst du kommen und man hatte gesagt, ja ich werde kommen, ich werde dort sein, es versteht sich doch von selbst und am Ende war man nicht dortgewesen, man war nicht hingegangen, vielleicht aus Angst, vielleicht war man auch nur zehn Minuten zu spaet gewesen und man hatte den Tuersteher angebruellt, so laut, dass sie es im Theater, auf der Buehne hatten hoeren muessen. Und es waren diese Frauen, die gesagt hatten: hier koennte ich mir vorstellen zu wohnen, hier in Neukoelln, als man sich auf der Sonnenallee von ihnen trennte, die man jahrelang vermisst hatte und die man viel spaeter bei facebook gefunden hatte, auf diesen kleinen unscharfen Bildchen und die geschrieben hatten: Andreas, ich erinnere mich kaum an dich, wo haben wir uns getroffen, ich lebe jetzt in einer anderen Welt, weit weg von Berlin, weit weg von Kreuzberg und ich bin gluecklicher hier, gluecklich hier zu sein. Und es waren diese Frauen, die aufgingen in den Traeumen der Vergangenheit, die mit leuchtenden Augen auf diesen kleinen unscharfen Fotos diese Gewaender einer laengst vergangenen, vielleicht goldenen Epoche trugen und die einem Bilder von meditierenden Moenchen schickten und die sagten ohne es zu schreiben: sieh, sie erinnern mich ein wenig an dich.

Written by andreask9

January 15, 2012 at 2:11 am

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Kunst und Affirmation I: eine Einleitung

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Weiterhin hoechst faszinierend ist, und diese Beobachtung wird uns zu einer Serie von neuen Beitraegen überleiten, die sich vorwiegend mit dem Thema ‘Kunst und Affirmation’ beschaeftigen sollen, dass man in Deutschland, vor allem aber in Berlin in den Jahren der ‘Krise’ ohne weiteres offen und ohne dies in irgendeiner Weise zu bschoenigen, mit dem Chefredakteur der seit neuerem irgendwie hippen Rechtsaussen-Postille ‘Junge Freiheit’, Dieter Stein, facebook-befreundet sein kann und doch- oder gerade deshalb- eine beeindruckende Liste von Kuenstlern, wie wir schon diskutierten, vor allem aber Kuenstlerinnen, Schauspielerinnen und ‘IntellektuellInnen’ haben kann, die sich allesamt offenbar mit dem Gedanken entschuldigen, es in jenem leidenschaftlichen Junge-Freiheit- und E. Juenger-Fan gewissermassen mit einem ganz und gar als ‘outlaw’ und heroisch Vereinzelten zu verstehenden Charakter des deutschen Befindlichkeitsspektrums zu tun zu haben. Dass sich einige dieser Schauspielerinnen folgerichtig in Theaterunternehmungen betaetigen, die unter dem Mantel Ernst Juenger zu ‘kritisieren’, dessen blauaeugige, kindliche und am Bodensatz seiner ‘Facetten’ faschistische Unterordnung in der ‘Totalitaet des Lebens’ und Verherrlichung von ‘Staerke’, mithin Gewalt, nonchalant und hoechst unterhaltsam aufnehmen, ficht ganz offenbar keinen von Ihnen an. Dass zudem neben dem ‘hippen’ Friedrichshainer Harzheim vor allem wirklich fiese Nazis (siehe Rabehl), Holocaustleugner, Frauenfeinde und erzrechte Nationalisten fuer die Junge Freiheit schreiben, ficht diese KuenstlerInnen scheinbar ebensowenig an, solange man diese Nationalismen, Chauvinismen und Rassismen mit dem guten und allseits, also auch auf NPD-Seite, ja bekanntermassen bejahten, ‘Ethnopluralismus’ (deutscherr Praegung) erklaeren kann und Oswald Spengler von Leuten, die nichtsdestotrotz gleichzeitg seltsamerweise auf Seiten wie dieser als Nazis gefuehrt werden, zu einem Naturliebhaber und Denker stilisiert wird, der eben die ohnehin zweifelhafte Zivilisation immer schon als jenseits und Antagonist der Kunst verortet hat. Dieser Begriff von Kunst aber, der gewissermassen so tut, als sei das Materielle’, aber auch die ‘Vernunft’, die Wirklichkeit, kein Gegenstand von Kunst, sondern befinde sich gewissermassen in staendigem ausschliessendem Widerstreit mit den ewigen ‘Inneren’ Elementen des Seins, in denen man das Reich des Schoenen allein vermutet, so als muesste man die Seele, die irgendwo im ewigen Tierischen wurzelt, gewissermassen fuerderhin weiter nach ‘innen’ befreien, und nicht nach aussen, also in ihre Konkordanz mit den materiellen Verhaeltnissen, wird uns noch laenger, vor allem mit Texten von Herbert Marcuse, zu beschaeftigen haben. Aber vielleicht findet man den eigentlichen Grund fuer diese stupende Politik- und Ratioverachtung weiter Kreise des ‘kuenstlerischen Berlins’ in Wirklichkeit in den affirmativen Wurzeln der buergerlichen Kunst, affirmativ in genau dem Sinne, Seele und Koerper zu trennen, politische Wirklichkeit und ‘Innenschau’ und materielle Armut und Abhaengigkeit, Verfolgung von ‘ethnisch unpassenden’ Elementen mit gleichsam dem ewigen Kampf der Elemente ‘zu erklaeren’ und gleichzeitig die Verfolgten und Geknechteten ‘nach innen zu befreien’, waehrend die ueblichen Eliten, siehe Harzheim, siehe Udo di Fabio, siehe Sarrazin, sich ob der Naivitaet ihrer heimlichen Bewunderer und Affirmierer aus der zweiten Reihe des nationalen Kuenstlertums ins Faeustchen lachen. Aber nein, wir vergassen, die Affirmierer treten ja heute, wie ehedem, mit dem ‘Occupy’-Banner in der Hand ebenso auf und gaukeln vor, das ‘Andere Leben’ begaenne schon, wenn nur endlich die Banken verstaatlicht oder doch zumindest entjudet, wie man kaum unterschwellig an jeder Ecke lesen muss, waeren, wie konnten wir dieses alles entscheidende Detail uebersehen, das die Einsamen und Vernunft-Eckensteher von denjenigen unterscheidet, die innerhalb ihres Heroen-Status bei ihren kleinen, ziemlich abhaengigen und allesamt irgendwie suedlichen Kreuzberger Filmstudentinnen erfolgreich und dutzendweise ihren Doedel zu deponieren zu wissen, schliesslich wirkt ja die heroische SS-Stiefelaesthetik noch bis ins Berlin der Postmoderne fort, wovon sich jeder mit einem Blick in die buergerlichen ‘Szenebezirke’ dieser schoenen Stadt ueberzeugen kann. Aber lesen wir zur Einstimmung und als Versuch einer Erklaerung vielleicht dies (Marcuse: Kultur und Gesellschaft I [1934-38], Kapitel Über den affirmativen Charakter der Kultur):

Wie sehr die idealistische Innerlichkeit mit der heroischen Aeusserlichkeit verwandt ist, zeigt beider gemeinsame Frontstellung gegen den Geist. Neben der Hochschaetzung des Geistes, welche in einigen Bereichen und Traegern der affirmativen Kultur charakteristisch war, ging immer schon eine tiefe Verachtung des Geistes in der buergerlichen Praxis einher, die in der Unbekuemmertheit der Philosophie um die wirklichen Probleme der Menschen ihre Rechtfertigung finden konnte. Aber noch aus anderen Gruenden war die affirmative Kultur wesentlich eine Kultur der Seele, nicht des Geistes. Auch wo er noch nicht verfallen war, war der Geist immer schon etwas verdaechtig: er ist greifbarer, fordernder, wirklichkeitsnaeher als die Seele, seine kritische Helle und Rationalitaet, sein Widerspruch zu einer vernunftlosen Faktizitaet ist schwer zu verbergen und zum Schweigen zu bringen. Hegel passt schlecht in den autoritaeren Staat. Er war fuer den Geist; die Neueren sind fuer Seele und das Gefuehl. Der Geist kann sich der Wirklichkeit nicht entziehen, ohne sich selbst aufzugeben; die Seele kann und soll es.

Der Umschlag aber von der ‘Erloesung der Seele’ in der affirmativen buergerlichen Kultur zur totalen Mobilmachung der Koerper und der Verstuemmelung und Ausrottung des Geistes war nach Marcuse nur ein zwangslaeufiger Schritt, die Vorbereitung des totalitaeren Staates:

Das seelenvolle Individuum fuegt sich leichter, beugt sich demuetiger unter das Schicksal, gehorcht besser der Autoritaet. Es behaelt ja den ganzen Reichtum seiner Seele doch fuer sich und kann sich tragisch und heroisch verklaeren. Was seit Luther ins Werk gesetzt wurde: die intensive Erziehung zu inneren Freiheit, traegt jetzt die schoensten Fruechte, wo die innere Freiheit sich selbst zur schoensten Unfreiheit aufhebt. Während der Geist dem Hass und der Verachtung anheimfaellt, bleibt die Seele teuer.(..) Die Feste und Feiern des autoritaeren Staates(..) die Reden seiner Fuehrer sprechen weiter zur Seele. Sie gehen zu Herzen, auch wenn sie die Macht meinen.

Written by andreask9

January 5, 2012 at 9:37 pm

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