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Michèle Kiesewetter und der vergessene Voelkermord: eine Kontinuitaet

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An dieser Stelle muessen wir, da es offenkundig niemand sonst tut, auf einen gar ‘unsichtbaren’, jedenfalls aber zumindest in der journalistischen deutschen Oeffentlichkeit so ziemlich ignorierten Aspekt der rassistischen Mordserie durch jene inzwischen sattsam bekannte ‘Jenaer Neonazi-Terrorzelle’ zu sprechen kommen, der gleichwohl eine bedrueckende Korrespondenz in der Geistesverfassung der deutschen Mehrheitsgesellschaft traegt. Wer sich fragte, warum Michèle Kiesewetter trotz ihres offenbar, zumindest in der Perzeption der Mehrheitsgesellschaft, ueber jeden Zweifel erhabenen Status als Polizeibeamtin die einzige war, die noch NACH Aufdeckung des rassistisch-’rechtsextremen’ Hintergrundes der Mordserie offen von Medien, Staatsanwaltschaft und Polizei der Mitschuld, fast moechte man sagen, Mittaeterschaft an ihrem eigenen Mord, beschuldigt worden war, findet, trotz der offenbar jedem im schoenen D. bewussten Faktenlage, einen offenen Hinweis erst nach langer Suche in einer Publikation bzw. Stellungnahme des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland:

Romani Rose forderte den Bundesinnenminister auf, bei der Aufklärung dieser rassistischen Mordserie umfassend zu ermitteln und den Mordanschlag in Leverkusen gezielt einzubeziehen. Nach dem Brandanschlag auf ein von Roma bewohntes Haus am 25. Juli dieses Jahres, bei dem der Tod von ganzen Familien in Kauf genommen worden war, hat der Zentralrat auf die potentielle Verbindung zu Rechtsradikalen hingewiesen. Aus heutiger Sicht entspricht das Vorgehen der Täter in Leverkusen dem Muster der Anschläge, insbesondere daß die Täter Videoaufnahmen des Anschlags aufgenommen hatten. Ebenso wie bei den Morden an den türkischen Bürgern wurden bei dem Anschlag in Leverkusen die Opfer und die Angehörigen der Minderheit selbst verdächtigt, die Anschläge verursacht zu haben. Bei dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter waren Sinti und Roma pauschal und in haltloser Weise von Polizei und Justiz als potentielle Täter („aus dem Sinti-Roma-Milieu“) öffentlich stigmatisiert worden.

Wohlgemerkt: nach offizieller Darstellung deutscher Medien handelte es sich bei dem Mord an Michèle Kiesewetter um einen ‘Polizistenmord’ und solange es nicht darum ging, das Mordopfer praktischerweise der Mitschuld zu zeihen, war man damit offenbar auch allseits zufrieden und beging damit unter dem unausgesprochenen Deckmantel der ‘Farbenblindheit’ genau den Fehler, der den Rassismus in Deutschland seit jeher befeuert: die offizielle Haltung, ‘Hautfarbe’ angeblich zu ignorieren, ignoriert gleichzeitig jene, denen jedes irgendwie geartete ‘biologische’ Unterscheidungsmerkmal gerade recht ist, entweder ihre eugenisch-sozialdarwinistischen ‘Theorien’ zur ‘Sozialhygiene’ in Deutschland unters Volk zu bringen, siehe Sarrazin, oder aber ihren banalen biologischen Rassismus auf geeignete Mordopfer konvergieren zu lassen. Dabei zeigt der Fall Kiesewetter doch gerade eines am deutlichsten: dem Rassisten, vor allem aber dem Rassisten deutscher Couleur, geht es niemals um ‘objektivierbare’ Umstaende, gar die apostrophierten ‘kulturellen Faktoren’ a la Benoist, es geht ihm um krude, irrationale Ableitungen, die angebliche oder tatsaechliche ‘biologische Merkmale’ zur Charakterisierung stereotypisierter und abwertender sozialer Kennzeichen heranziehen, fuer die Nazis a la ‘NSU’ musste deshalb ein etwaiger ‘nicht-arischer’ Familienhintergrund der Michele Kiesewetter hinreichen fuer ihr Todesurteil: exakt die Anwesenheit der vermeintlichen ‘Zigeunerin’ in der ‘Ordnungstruppe’ der Bundesrepublik muss fuer den Rassisten das offenkundigste Zeichen ‘innerer Verrottung’ der heutigen Bundesrepublik sein, ganz so, wie die NS-Propaganda in den zwanziger und dreissiger Jahren die ‘Verwahrlosung’ der franz. Alliierten an der Anwesenheit von in den franzoesischen Kolonialgebieten rekrutierten schwarzen Soldaten im Rheinland festmachte und jahrezehntelang erfolgreich mit diesem Hassbild in der deutschen ‘Mitte’ agitierte, das schliesslich in die umfassende Sterilisation weiter Kreise der (Nachkommen jener) Schwarzen Soldaten, genannt ‘Rheinlandbastarde‘, fuehrte. Wie man bei Hilberg nachliest, fuerchtete die NS-Fuehrung in Berufung auf ‘wissenschaftliche Expertisen’ der ‘angesehensten Rassenforscher’, dass der ‘deutsche Volkskoerper’ bei nicht sofortigem Eingreifen schon nach wenigen Jahrzehnten zu ca. ‘einem Drittel’ durch jene ca. 80 Kinder Schwarzer Soldaten und weisser deutscher Muetter ‘bastardisiert‘ waere. So also fuegt sich die Ermordung von Michèle Kiesewetter zwanglos in das Panorama des neuen deutschen Rechtsextremismus der Mitte als nichts anderes als eine krude rassistische Tat und das Verschweigen dieses offenbaren Umstandes durch die deutsche Mehrheitspresse, wo nicht sogar die Kriminalisierung des Umfeldes des Opfers betrieben wurde, wir berichteten darueber ausfuehrlich in anderen Zusammenhaengen, fuegt sich zwanglos in das sattsam bekannte Verschweigen und Relativieren (‘ das waren ja Kriminelle’: O-Ton deutscher Nachkriegs-Politik) des Voelkermordes durch Deutsche an den Sinti und Roma in Europa.

Written by andreask9

December 3, 2011 at 10:15 pm

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