Archive for October 2011
Arbeit macht frei oder: eine Kultur im Niedergang
Nun ist es ja nicht so, dass der truebe Alltag in dem auf fast grausam-wundersame Art nunmehr selbst in den letzten (‘alternativen’) Ecken jener schoenen heilen Welt der westlichen Hemisphaere hochgejubelten Berlins, dass also dieser Alltag nicht bekanntermassen zu den verstoerendsten Geschehnissen fuer jedweden denkenden Menschen Anlass gaebe. Die Art der Haeufung aber einer bestimmten mehrheitskonformen Denkfigur und ihrer erdrueckenden Rueckkopplung auf den Alltag und gewissermasen die blosse physische Existenz jener erwaehnten Menschen und ihrer Denkfiguren aber nahm unterdessen derart groteske Zuege an, dass weiterees Schweigen einem Verbrechen gleichkaeme, das sich selbst zum Komplizen jener Verhaeltnisse machte, die der Alltag in der entfremdeten, dem Kapital und dem Krieg geweihten Gesellschaft gewissermassen tautologisch erzeugt. Dem ‘Kapital und dem Krieg’ geweiht, was aber hiesse dies genau in Zeiten, in denen die Krise das schlechteste dieser Gesellschaft mit unerbittlicher Gruendlichkeit und Genauigkeit zutage foerdert, ob es der unerbittliche Diskurs des Hasses ist mit dem der Mehrheitsperzeption widersprechende, aufzubegehren wagende Minderheiten in einem Reflex der Gewalt gebrochen werden sollen, ob es die ‘juedischen Bankhaeuser’ sind, die in einem Reflex der Reaktion von ‘renommierten Tageszeitungen’ in Berufung auf halbgare und tendenzioese ‘Wissenschaft’ fuer die in der Essenz unverstandenen Missstaende verantwortlich gemacht werden sollen, die zu tief in einer Gesellschaft, in einer Zivilisation selbst gegruendet sind, um fuer den allzu fluechtigen Beobachter noch sichtbar zu sein. Die oekonomische Krise der sich in der Projektion auf den industriellen Fortschritt erschoepfenden Gesellschaft also, so muss man es wieder sagen, und wir werden das noch genau zu begruenden haben, kehrt die Barbarei hervor, nicht einmal nur die des animal laborans, den um der reinen Selbsterhaltung wegen existierenden, also vegetierenden, dem blossen ‘Lebenstrieb’ froenenden Menschen allein, sondern die Einverleibung von Kunst, Widerstand und Aufbegehren nach einem ‘anderen Leben’ in die Maschinerie der Produktion von ‘sinnstiftendem’ Konsumgut, von ‘sinnstiftender Arbeit’, von Unterdrueckung und geistiger und kultureller Verwahrlosung selbst. Und so wird von Kuenstlern erwartet, unter aeusserstem materiellen Leidensdruck eben exakt das Lied der Mehrheit, der Industriegesellschaft zu singen, auf die eine oder andere Art, denn entgehen sie diesem Leidensdruck, entgehen sie ihrer Freiheit in Affirmation, entgehen sie aber dem Freiheitsentzug, so schlaegt sie die Knute der kapitalistischen Wachstumsbedingungen aber mit unbarmherziger Haerte und projiziert sie wiederum auf die Unfreiheit der materiellen Not in einem Masse, wie es in der menschlichen Geschichte, die immer von Leiden, Muehsal und Abhaengigkeit aber auch von einer Ahnung nach einem ‘anderen Leben’ und nach einem Fortschritt um des Menschen willen, gepraegt war, einmalig ist. Die Krise aber foerdert den Wunsch nach Entaeusserung in Gewalt zutage, in Gewalt gegen die ‘ueberfluessigen Esser’, die ‘anderen’, die Schwachen, die Aussenseiter, Neinsager und Utopisten, eine Gewalt die woertlich gemeint ist und durchgreift auf das Elementare, koerperlich durchgreift, geistig, eine Gewalt die der Seele und dem Geist keinen Raum fuer Hoffnung laesst, weil das Motiv der Hoffnung selbst dem System auf falsche, verlogene und irrefuehrende Art einverleibt ist. Der Niedergang der kapitalistischen Gesellschaft aber vernichtet nicht nur die Freiheit und die Kunst, er vernichtet das Denken selbst, er definiert und desavouiert das Denken, in dem jedweder Fortschritt allein stets wurzelte, als einen den Fortbestand der Gesellschaft selbst gefaehrdenden Akt, er ueberantwortet das Denken, das immer auch und vor allem eine Domaene der Aussenseiter und genialen Eckensteher war, zu einer Domaene der Kohorten, der ‘Teams’, der im Trivialen und in der Reproduktion erstickenden wissenschaftlichen Massengesellschaft, fuer die jedwede grundlegende Kreativitaet, jedweder das Bestehende nach aussen stuelpende und zu etwas wahrhaft neuem transformierende Akt zu einer furchtbaren Bedrohung geworden ist und die genau deshalb frenetisch die Abarbeitung von mehr oder weniger banalen Programmen von Klassifikation, Speicherung und Manipulation von menschlichen Genomen, von einem pseudowissenschaftlichen Design und Phantasma des ‘machbaren Menschen’ zu einem neuen Phantasma und Zentrum des Fortschritts erhoben hat, es geht wider die Eckensteher, die Bedaechtigen und wider die Vorsicht und die Grundierung im historisch-erinnernden Prozess, die fuer den Krieg gemachte Wissenschaft ist eine Wissenschaft des Eliten- und Trend-Getoeses und des besinnungslosen Kollektivs genauso wie die fuer den Krieg gemachte Kunst eine Kunst weniger der Affirmation als der tranformierten, absorbierten und bis zur Unkenntlichkeit entstellten Rebellion ist. So also muessen dem Autor die Derivate dieses umfassenden Angriffes auf den Menschen und das Denken schlechthin und als grauenhafte Fratzen des ‘hippen Berlins’ erscheinende Begleitumstaende dieser Fixation auf das Machbare, die Technik, das stets und unmittelbar greifbare, zutage tretend um in einer umfassenden Entwertung geistigen Fortschritts und Kultur zu muenden, als nichts anderes als ‘neue Partylocations’, ‘Nebenjobs im Restaurant’, hippe Vernissagen in ‘Migrantenbezirken’, sie muessen dem Autor als die um des reinen Lebenszweckes die praktische Arbeit preisenden Grafikdesigner erscheinen, die von einem wirklichen Kontrakt zwischen den Generationen und demjenigen zwischen Vergangenheit und Zukunft, der kulturellen Verantwortung gegenueber denjenigen die nach uns kommen, noch nie etwas gehoert haben, und fuer die die Ergebnisse der Theorie endlicher Koerper, die heute in von den trivialsten Arbeitsprozessen begleiteten Mobiltelefonen, CD-Spielern und globalen Kommunikationsnetzen unverzichtbar sind, noch vor dreissig oder vierzig Jahren ein Affront gegen die Gesellschaft schlechthin gewesen waeren. Mit dem Niedergang der kapitalistischen Gesellschaft in der Krise verliert diese also genau das, was ihr durch die Jahrtausende das Überleben sicherte: sie verliert ihre Erinnerung an die Vergangenheit gleichermassen wie sie ihre Wertschaetzung der Zukunft verliert und in dieser umfassenden Entwertung von Vergangenheit, Gedaechtnis und Zeitlichkeit des Menschen scheint an einem duesteren Horizont auf, was der Mensch im Industriezeitaler schon einmal verlor: den Glauben an seine Wuerde und seine Zukunft, und der Verlust und die Konsequenz dessen war nichts anderes als das Ende der Menschheit.
Beyonce vs. Keersmaeker: in the realms of privilege
We have to elaborate shortly on a theme the mass-media seemed to have perceived as another more or less dramatic manifestation of the well-known phenomenon of ‘plagiarism’, however, for our purposes this incident seems interesting from several different points of view, that is, we have the white european choreographer, Anne Teresa de Keersmaeker, who is famous in any realms of bourgeois ‘dance&fine arts’, who is known for her feminist and emancipatory statements, both in dance and ‘political discourse’. On the other hand, we have the world-famous black artist and singer, Beyonce, seemingly known for her ‘sensually suggestive’ video styles and her tendency, cf. here for repeated copyright violations in the realms of art or (music-)business. So, at first sight, the lines of confrontation seem more than clear: the righteous, but relatively poor and unknown, intellectual Keersmaeker vs. the rich, business oriented internationally-successful singer Beyonce. Given this, it is interesting to consider the ‘subdiscourses’ such events initiate, and as anyone knows, these subdiscourses find brilliant mirrors in such commentary sections as one might find for instance on youtube. Here one reads, as an example, as one of the (highest-rated) comments showing the purportedly plagiarized Keersmaeker-piece ‘Rosas danst Rosas’:
To the Beyonce fans: Stop talking and watch. This is a very powerful piece and you should take it for what it is. Its purpose is not to discredit Beyonce, but to influence you. Appreciate the art.. Open your eyes and your mind to something different, something new, something that had it not been for Beyonce referencing something she felt was beautful and dynamic you would have never seen before. Art is constantly being replicated and expressed in different forms. But nevertheless its art!
And certainly given the overall quite Beyonce-unfriendly bias of the comments the ‘good, educating intention’ in the above cannot be ignored, but still: is it a mere coincidence that Keersmaeker’s company consists exlusively of white, seemingly even socially privileged dancers, but that Belgium has at the same time, i.e. its capital, an extremely diverse society, which is nonetheless characterized by strong forms of racial and social segregation? Does Keersmaeker, given her 25 years of politically active dance, indeed face the theme of the colonial past of her society appropriately when adopting, as an illustration, in one of her pieces, certainly in a sense that seems to transcend its message, displayed projections of films like ‘Birth of a nation’, in combination with US-folk-songs obviously intended as a ‘bitter’ comment on the intertwinement of US-american patriotism and the alleged unrecognized racism of the underlying American discourses? In short, does Keersmaeker at least in rudiments transcend the well-known picture of white european leftists blaming ‘America’ for its unresolved challenges of ‘multiculturalism’, but for themselves quite obviously ignoring to a large extent the structural mechanisms leading to establishing their own ‘white intellectual’ context? Certainly, Keersmaeker will respond as we already witnessed in case of the german liberal-’leftist’ party ‘Piraten’ concerning their near-zero percentage of female/PoC activists: the society (or certain parts, i.e. the PoC/female-parts of it) is not sufficiently progressive for our purposes. And certainly, this indeed comes as a blatantly distorted argument, when even the director of Keersmaeker’s video claims with respect to Beyonce: ‘Copying her videos would have got me killed’, as one can see and hear in a video published by the british telegraph. In short: the black (female) violent American vs. the peaceful, righteous, European white intellectual? We close our comments with a remark from another comment section, that probably gives a hint concerning the underlying mechanism feeding the above discourses: the white privilege is tautologically defining the rights of the superior segment of society and neither commercial success, nor arguments nor millions of fans worldwide will transform the black individual into a ‘white bourgeois intellectual’ defining the realms of ‘scientific’ discourse (i.e. the ‘standards’ of ‘dance research’ and intellectual property) worldwide:
The fact is,the Belgian Choreographer [Keersmaeker] has herself borrowed EXTENSIVELY from others and never acknowledged that she did so! She stole from Nijinksy like the other poster said,but also stole from Yvonne Rainier,Lucinda Childs, Martha Graham,Merce Cunningham and many others! She also stole the costume for the work in question from Edgar Degas,and from the movie Flashdance,and took the setting and her hairdo from Flashdance as well. So she needs to shut up about Beyonce,because Beyonce acknowledges her influenxes WAY more than this woman herself has done. It is RIDICULOUS to criticize Beyonce on this woman’s behalf as she appears to have stolen whole segments of choreography from others in Modern dance…
And certainly, if Beyonce would be white and male and her name would be Tarantino, she would have been praised worldwide for the subtle ‘citations’ in her video that ‘only the experts’ could ingeniously decipher..but of course: racism is over.
Gender und postmoderne Politik: eine Verwirrung
Hier vielleicht an etwas exponierterer stelle mein kommentar zum Blogbeitrag der Philosophie-Studentin und Piraten-Aktivisten Lena R., die relativ unsymphatische und reichlich virile Physiker-Mitbewohner hat(te), nebenbei bemerkt, die weiland jedwedes Date mit hyper-intellektuellen StudiVZ-Nutzerinnen ruinierten und von wirklicher Mathematik im vertrauen gesagt auch nichts verstanden. Wie dem auch sei, in ihrem blog kommentiert Lena R. unterdessen das ‘gender-Problem’ der Piratenpartei unter zweierlei Gesichtspunkten, die, wie ich finde, durchaus endemisch sind fuer das (Selbst)Verstaendnis jener Partei: der erste Punkt konvergiert ungefaehr darauf, die Inhalte der Piratenpartei als ‘zu fortschrittlich’, um mit der stereotypen Sozialisation heutiger Frauen kompatibel zu sein, zu deklarieren, man dreht das Problem also um: aus dem Genderproblem der Piraten wird ein Rueckstaendigkeitsproblem der Gesellschaft, vor allem aber der Frauen. Dass man hierbei implizit glaubt, die Piraten, selbst in ihrem Berliner Landesvorstand muessten gewissermassen den relativen Anteil ‘progressiv/internetaffin’ gesinnter Frauen an der *Gesamtbevoelkerung* repraesentieren, so als seien die Piraten eine Art ‘Statistik’ fuer die Grundgesamtheit ‘progressiver/internetaffiner’ Menschen in Deutschland und der Landesvorstand nur eine Stichprobe, wuerden diese also (pseudo)mathematisch repraesentativ vertreten muessen, geht hierbei unter. Denn natuerlich kann eine Minderheit, gerade von der Groesse der Piraten, sehr gut auf die Verteilungsverhaeltnisse in der ‘Grundgesamtheit’ pfeifen, sollte sie sogar, muesste sie sogar, um genau das zu sein, was man behauptet: so ganz anders. So aber schreibt man:
Damit haben wir nun aber auch einen Handlungsauftrag: Wenn (wie ich annehme) Menschen mit XX-Chromosom nicht von Natur aus keinen Bock haben, Piraten(vorstand) zu werden, dann ist unsere Partei derzeit wohl wenig kompatibel mit klassisch weiblicher Sozialisation.
Darueber hinaus argumentiert man bezeichnenderweise mit dem ‘Unbewussten’:
Banaji, Greenwald und Nosek stellten mittels mehrerer aufeinander aufbauender Studien [2] fest, dass Frauen Mathematik um so negativer gegenüberstanden, sich um so weniger selbst als mathematische Person bezeichneten und um so schlechter in Mathematiktests abschnitten, je stärker sie Mathematik unbewusst mit Männlichkeit verknüpften und je stärker sie sich selbst als Frauen identifizierten. Umgekehrt schnitten Männer um so besser ab, mochten Mathematik um so lieber und bezeichneten sich um so öfter als mathematische Person, je stärker das Stereotyp unbewusst in ihnen verankert war und je stärker sie sich als Männer identifizierten. Interessant ist: Bei den Teilnehmenden dieser Studien handelte es sich ausschließlich um Personen, die von sich selbst behaupteten, keine bewussten Überzeugungen der Art zu besitzen, also keinesfalls der Meinung zu sein, dass “Mathe nix für Mädchen” sei. Die Stereotype konnten ihnen über einen Verknüpfungstest ausschließlich als unbewusste Annahmen nachgewiesen wurden.
Nun, die Befragung hat wohl vor allem die ‘abgefragten Ueberzeugungen’ von den tatsaechlichen Ueberzeugungen diskriminiert, warum man hier das sog. *Unbewusste* heranziehen muss, das durchaus seit jeher im Rufe steht, nicht eben emanzipative Argumentationsmuster zu bedienen oder sich aus diesen zu speisen, den Menschen also gewissermassen wesentlich durch nicht-menschliche, da nicht bewusste Gehirnprozesse, die wiederum nur Spiegel oder gar Motoren nicht-reflektierter, ‘tiefsitzender’ gesellschaftlicher Prozesse sind, zu determinieren, bleibt unklar. Jedwede Diskurse um Rassismus, Feminismus und Diskriminierung lassen sich mit dem Verweis auf ‘unbewusste gesellschaftliche Muster’ letztlich zu Gunsten der Hegemonie weitgehend neutralisieren. Fazit: die Unterrepraesentation der Frauen in der Piratenpartei soll als ‘unbewusstes’ und angesichts der ‘progressiven Programmatik’ unvermeidliches, Resultat gesellschaftlicher Hegemonialprozesse verstanden werden, fuer die man gewissermassen ‘nichts koenne’ – dass man sich eher die taeglichen Diskurse in der Piratenpartei anschauen sollte, die offenbar dazu fuehren, dass man wie wenige andere Parteien vom Aktivismus einer gender-egalitaeren urbanen Utopie weit entfernt ist, bleibt dabei leider aussen vor.