Archive for January 2010
Kreuzberger Identitaeten revisited: eine Verstoerung
Tatsaechlich hatte dieser Text ein Abgesang auf die laengst in Richtung auf die ‘sozialen Brennpunkte’ dieser Stadt verlassenen Hochburgen Berlin-Kreuzberger rechtskonservativen Oekobauerntums werden sollen; wie sich zeigte, war es dem Autor aber aus diesen und jenen, vor allem psychologischen, Gruenden nicht moeglich gewesen, sein furchtbares Domizil in Richtung auf ein Solidaritaetswohnen in der Tiergartener Ufnaustrasse Nr. 7, zu verlassen, dem Haus gleich neben jenem, das 2008 hoechstwahrscheinlich als Konsequenz des dortigen statistischen Alki-Nazi-peaks von letzteren niedergebrannt worden war und das in der lokalen Berliner Presse und nur hier, vor allem eine ganze Serie kaum verbraemt-haemisch-rassistischer Artikel ueber seltsame Fluechtlinge, die (angeblich) kein deutsch verstehend bei jedem Treppenhausbrand in selbiges und ihr Verderben rennen muessen, ausgeloest hatte, von internationaler praesidialer Anteilnahme hier diesmal keine Spur, diese Menschen hatten keine community in Berlin, die auf ihr Schicksal jenseits blanker Rassisten-Artikel in der morgenBLOED aufmerksam gemacht haette. Wie dem auch sei, der Autor blieb also in jenem Bezirk zurueck, dessen Einwohner sich dadurch auszeichnen, bei spaetabendlichem Tastaturgeraeusch, so wie jetzt, ueber Monate hinweg immer wieder dasselbe paedagogische Tuerenknallen zu produzieren, ein Verhalten, das mir selbst im finstersten Altnazi-Neukoelln niemals auf dieselbe Weise begegnet ist und wohl Stuttgarter Studenten in Berliner Fortsetzung ihres Spiessertraums oder solche die sich dafuer halten (‘wir muessen morgen in die VL und der tippt die ganze Nacht’) auszuzeichnen scheint. Wie dem auch sei, die erzwungene Anwesenheit in einem Bezirk, der, abgesehen von seinem ‘nordoestlichen’ Teil, dem einzig aushaltbaren, selbst nicht mehr in rassistischen Tagesspiegel-Listen zu ‘immer schlimmer werdenden Problembezirken’ gefuehrt wird, hat immerhin die Konsequenz, noch einmal einige Aspekte der bisher nur gaenzlich-unvollstaendig aufgearbeiteten haarstraeubenden Rückstaendigkeiten deutscher ‘progressiver’ Identitaeten im essentialistischen Oekokiez aufdecken zu koennen. Es faengt, und so simpel-praegnant muessen wir an dieser Stelle werden, damit an, dass der Autor in dem einzigen in Kreuzberg von Schwarzen, genauer sudanesischen, Inhabern betriebenen Imbiss in der Manteuffelstrasse bei seinem kuerzlichen dritten Besuch das dritte mal, modulo der kahlen Springerstiefelnazis beim zweiten Besuch, der einzige Kunde ist, wir koennen an den diesbezueglichen Artikel hier leider nur erinnern, weil wir ihn damals offenbar aus Scham vor soviel offenem Kreuzberger Entsetzen, der ganzen Schaendlichkeit und Verkommenheit der allzu-deutschen Kreuzberger Klientel, loeschten. Dieses mal aber, wie sich also zeigte, war der treue Autor nach wie vor in ca. 30 Minuten der einzige Kunde und zusaetzlich hatten jene erwaehnten Springerstiefel-Freunde inzwischen ihr zuvor nur psychologisches Werk insofern verfeinert, als dass die aussen angebrachten beleuchteten Preistafeln des Imbisses ausnahmslos demoliert oder zerstoert waren, die Eingangstuer offenbar ebenso, denn sie funktionierte nicht mehr und der Inhaber oeffnete mir mit dem Hinweis auf ‘die Kaelte’, indem er die elektrische Doppel-Tuer muehsam per Hand aufstemmte. Nun koennte man sagen: all das ist ja reiner Zufall, all das hat gar nichts damit zu tun, dass es sich hier um den einzigen ‘Schwarzen’ Imbiss Kreuzbergs handelt, oder besser noch: die ausbleibende, vor allem aufreizend ausbleibende deutsche ‘Szenekundschaft’ ist vor allem Konsequenz schlechten marketings oder aber schlechter Rezeptur oder beidem- allein zumindest die Falafel gehoeren eindeutig zu den besseren, da selbst fabrizierten und gleichzeitig bezahlbareren in Kreuzberg, also ist die ausbleibende Kundschaft zweifellos einer hoeheren und undurchsichtigen Macht zuzuschreiben, und Nazis moegen offenbar selbstgemachte Falafel und ausserdem lieben Nazis Leuchtreklamen an sudanesischen Imbissen, weshalb sie ihre Liebe in forciertem Koerperkontakt diese betreffend ausleben, so ist es doch in Wirklichkeit, hoert man schallend-feixend oder drucksend aus Reinickendorf. Allein- dieser casus ist fuer den Autor zu offen deprimierend und vergeblich, um hier weiter darauf herumzureiten, die weitere Anklage affirmiert in diesem Falle nur die bestehenden Verhaeltnisse und veredelt den rassistischen Kreuzberger mainstream: wir versuchen Gruende zu finden, warum dies und jenes so sei (unterdessen: paedagogisches Tuerenschlagen im 30-sec-Takt von unseren ‘hippen studentischen Nachbarn’ im ‘guten Kreuzberg 61′ um 0 Uhr 20 [hoer endlich auf zu tippen, du Psycho!!]). Aber wenden wir uns hiermit den Kreuzberger Spezialitaeten, dem angeblichen Anti-Essentialismus seiner Bewohner zu, jener die schon immer wussten, dass sie diesen ja mit all den anderen Kreaturen, vor allem den eigensinnigen Kuehen auf der Bioweide, gemeinsam haben. Fragen wir uns also, wie es mit der Ansiedlung der dominierenden Teile der Kreuzberger Gesellschaft in folgendem Diagramm eigentlich bestellt ist, vielen Dank an open salon:

Jedem, der auch nur mit minimaler Beobachtungsgabe gesegnet ist, muss mit einem Schlag aufgehen, dass die achso alternative ‘Kreuzberger Mischung’ den Komplex ‘gender’ betreffend in grossen Teilen, in ihren seit jeher konservativen Teilen in Kreuzberg 61 ohnehin, aber im Grunde genommen ueberall, vor allem in immerwaehrender Verherrlichung des maennlichen Prinzips, wir werden das gleich noch belegen, so wie alle anderen Subgesellschaften Berlins vor allem in der Zeile ‘Right wing christian view of gender’ des obigen Diagramms und zwar nirgends sonst, anzusiedeln ist. Um zu verstehen, woran das liegt, koennte man einen Blick auf die patriarchalisch-rassistische Essentialistenkarriere preussischen Gedankenguts werfen, man koennte aber auch einfach Detlef-Georgia-Schulzes Dissertations-Interviewpartner befragen, was wir im folgenden kurz tun wollen. In einem der Interviews Detlef-Georgias wird das mehr oder weniger offizielle Programm Kreuzberger Denkens vielleicht ungewollt am deutlichsten, wohlgemerkt, wir wollen hier den Miesepeter nicht denjenigen ‘butches’ zuspielen, die trotz ihrer Anerkennung anti-essentialistischer Haltungen weiterhin mehr oder weniger stolz darauf sind, im Alltag den Macker zu performen, die Kritik geht eher in die Richtung, dass die Codes der umgebenden Mehrheitsgesellschaft im einstigen Biotop Kreuzberg laengst viel zu drueckend sind um von jemandem heute noch nicht als unhintergehbare Norm, zumindest aber als gewollt-akzeptierte, wo eben nicht verneinbare, dargestellt zu werden, wir lesen also im Interview Nr 4 hier zunaechst folgendes:
(1) Anti-Essentialismus in der theoretischen Praxis – Essentialismus in der alltäglichen Praxis
dieDER Befragte Nr. 4 ist die einzige interviewte Person, die sich von anderen distanziert, die ihre heutigen geNOkos darauf zurückführen, daß sie schon als Mädchen lieber auf Bäume kletterten als mit Puppen zu spielen.142
„So, und wie kommt das? […]. Ich bin nicht eine, die das macht (die Hosen trägt), weil ich schon immer so war, oder weil ich schon mit drei auf Bäume kletterte und so, […]. Ich glaube nicht an diese Art von genetischer Festlegung. Ich finde das ziemlich faschistisch. Vielleicht war das nicht das richtige Wort in diesem Zusammenhang, aber ich finde diese Art von Denken hilft uns nicht so viel politisch. Ich kann auch in meine Vergangenheit gucken und denken, „oh, das war ein {ein Wort unverständlich: Schuld?}“, aber ich könnte die Geschichte auch total anders interpretieren – […].“ (I 4).(..)”
„Man kann viele Seiten einer männlichen Identität entwickeln. Man hat nicht nur eine gentleman-Seite, man kann auch eine Böser-Junge-Seite oder eine Motorrad-Junge-Seite […] haben und mit allen diesen Arten von Männlichkeit kann man spielen.“ (I 4).
Weiter liest man zum Thema Essentialismus:
Eine genauere Analyse zeigt aber, daß selbst dieses Interview weit davon entfernt ist, die Annahmen von queer theory, geNOkos seien ein Zeichen von Anti-Essentialismus und ein Mittel, das zu nicht-hierarchische(re)n gender Verhältnissen führen könnte, zu bestätigen. Selbst der Essentialismus kehrt in verschiedenen Äußerungen, die keine programmatischen Ansprüche der interviewten Person an sich selbst und andere sind, sondern spontane Formulierungen des eigenen Selbstverständnisses darstellen, wieder; – von einer ausgesprochen hetero/a/sexistischen (also: unfeministischen) Beziehungspraxis gar nicht erst zu reden. 143 Und das Ganze wird gerechtfertigt mit einer Argumentationsfigur, deren Tod schon vielfach beschworen wurde: dem freien Willen des Subjekts (s. unten S. 186 ff.).(..)
Zunächst zum Essentialismus. An einer Stelle des Interviews bleibt die Frage des Essentialismus/Anti-Essentialismus zunächst offen und wird dann einige Zeilen später i.S.d. Essentialismus beantwortet.„bevor ich gewußt habe oder mich entschieden habe oder – frag mich nicht –, lesbisch zu leben“ (I 4, Z. 298).
In vorstehender Sequenz bleibt noch unklar, ob sieER bloß erkannt hat, was sieER ohnehin ist, oder ob sieER sich für eine bestimmte sexuelle Orientierung entschieden hat. Einige Zeilen später wird ihreSEINE Sexualität zu einem Sein („wie meine Sexualität wirklich ist“; entsprechend wahrscheinlich auch die „große Welle“, die über sieIHN gekommen ist) – statt einer Entscheidung – vereindeutigt:
„Ich hatte mich wirklich gefragt: Was ist los mit meiner Sexualität? Erst später war es, daß ich es wirklich als eine große Welle gefühlt habe, nach dem ich gesehen hatte, wie meine Sexualität wirklich ist […].“ (I 4).
Im Gegensatz zu ihrem programmatischen Anspruch scheint Person 4 ihre sexuelle Orientierung hier nicht als Gegenstand einer Wahl oder von kontingenten, wechselnden Einflüssen, sondern als etwas „Was ist …“ zu betrachten. Auf Essentialismus (hier: Authentizitäts-Ideologie) deutet es auch hin, wenn davon gesprochen wird, „Ideen […] von mir selbst auszudrücken“, und es außerdem heißt:
„Aber für mich es war irgendwie ein – ein Art von Reinigungsprozeß oder so.“ (I 4, 456 f.).
Hier soll anscheinend ein essentielles Selbst, das ‚Sein‘(„wie meine Sexualität wirklich ist“) der Sexualität dieser Person, von (äußeren) Verunreinigungen befreit werden; die weitere Analyse wird allerdings zeigen, daß dieses innere Selbst nichts anderes ist als die perfekte Verinnerlichung der ‚äußeren‘ gesellschaftlichen Verhältnisse – von Patriarchat und Hetero/a/sexismus.
Das Interview gipfelt dann mehr oder weniger in jener Schilderung der interviewten Person, in der diese in ihrer Eigenschaft als (maennlich performende) ‘butch’ ihrer weiblich performenden (lesbischen) Freundin in einem Geschaeft gegen antisemitisch konnotierte Diskriminierung insofern beisteht, als dass sie bereit ist, ‘zuzuschlagen’ (dazu ihre Faeuste aus den Hosentaschen nimmt) und ihre Freundin hernach wohlmeinend ‘aus dem Geschaeft schiebt’:
„Und wo ist XXXX {Name der Freundin der interviewten Person}? […] – und ich habe denn gedacht, okay, was ist wichtig – ist, daß er faßt sie nicht an. Wenn er faßt mich an, ich kann ihn auf der Boden bringen, aber sie würde nur problematisch, ja. #I: Hm# Und – und so denn, ich habe nur mein Hände aus mein Taschen gemacht, so daß ich könnte ihn schlagen, wenn möglich. E- es war wirklich, daß ich habe gedacht, das war notwendig – and ich hat kein großes Panik, überhaupt nicht. Aber ich war ein bißschen and ich habe – ich habe nur ihn angeguckt and denn er hat gesagt, „okay“, und „Guten Abend“ – ja. Und so – denn ich habe nur XXXX {Name der Freundin der interviewten Person} vor mir gedrückt, weil er paßt hinter #I: Hm# uns […]“.
Kurz gesagt: der ‘Junge’, die maennlich agierende butch als paternalistischer Akteur, als Subjekt, die ‘femmes’ als hilfebeduerftiges und zu beschuetzendes Wesen, grotesker koennten sich die allfaelligen Mechanismen der dominierenden Gesellschaft nicht in die Details lesbischen Zusammenlebens uebersetzen. Natuerlich koennte man sagen: man tut hier den Untersuchungsobjekten Unrecht, die Praxis muss notwendig immer hinter der Theorie zurueckbleiben, aber die Performanz und Akzeptanz paternalistischer Verhaltensmuster (der ‘Junge’ zahlt im Restaurant etc.) in diesem Beispiel ist einfach zu drueckend, zu dominant und zu ungebrochen, um nicht als haarstraeubend die ueberkommenen Macht- und Mehrheitsverhaeltnisse affimierende Haltung angesehen werden zu koennen und wie Schulze zeigt, zieht sich diese Haltung in verschiedenen Variationen durch die gesamte ‘gender-nonkonformistische’ Szene Berlins. Dass das ‘Freiwilligkeitsargument’, also die bewusste Wahl der hegemonialen Ordnung, statt ihrer (halb)unbewussten Bejahung, noch keine anti-essentialistische oder anti-konformistische Praxis ausmacht, stellt Schulze klar heraus:
Der Ausgangspunkt dieses Arguments, daß femmes und butches ihre Wahl gegen die hegemoniale Ordnung und Heteras in Übereinstimmung mit dieser treffen, ist sicherlich richtig. Diese leichte Umformulierung des Arguments (‚in Übereinstimmung mit der hegemonialen Ordnung‘ statt ‚nicht freiwillig‘) zeigt aber schon, daß dieses Argument allein nicht in der Lage ist, die gewollte Schlußfolgerung zu tragen. Denn, wenn wie die interviewte Person selbst sagt, daß Hetero/a/sexualität nicht weniger sozial konstruiert ist als butch/femme, dann kann es auf die Freiheit der Wahl, also auf die Frage der Genese, schon mal nicht ankommen. Denn die Aussage, daß Hetero/a/sexualität hegemonial ist, ist gleichbedeutend mit der Aussage, daß sie nicht mit dem Maschinengewehr erzwungen, sondern daß sie von den Individuen freiwillig vollzogen wird:(..)
Es ist klar, dass sich Detlef-Georgia Schulze in der Berliner community mit seinerIhrer Dissertation keine einzige FreundIn gemacht hat und darum wohl schleunigst ins Wiener Exil ausbrach, aber was diese Interviews, die ja doch weitgehend in einer Berliner Szene ausgefuehrt und gefuehrt wurden, die sich zumindest programmatisch dem Anti-Essentialismus und der nicht-Festgelegheit des gender- und Sexualitaets-Begriffs, sowie auch dem Protest gegen die ‘althergebrachten Normen’ verschrieben hat, was diese Interviews also fuer den bar jeder Reflexion agierenden heterosexuellen Berliner/Kreuzberger mainstream bedeuten muessen, das vermoegen wir uns an dieser Stelle tatsaechlich nicht ohne groesseres Froesteln auszumalen. Und so zeigt sich, dass jene Kreuzberger heterosexuelle DurchschnittsbewohnerIn in allgegenwaertiger Heroisierung des ‘maennlichen Prinzips’ vor allem eines nicht kennt: den feminin agierenden (biologischen) ‘Mann’ jenseits der Parodie, denn dass diese Parodie in Kreuzberg zumindest moeglich und innerhalb einer nicht-alltaeglichen Performanz akzeptiert ist, wird jede BesucherIn des SO36, wenn auch kaum eines anderen Ortes in Berlin, bestaetigen, allein, und das ist fast eine Tautologie zu sagen, der Berliner und somit auch der deutsche Idealtypus der ‘Maennlichkeit’ (und durch diesen vermittelt: der ‘Weiblichkeit’) schlaegt sich vor allem in den Verkaufszahlen derjenigen Berliner Vertreter der Populaerkultur nieder, die im Ausland schon seit langem ganz sicher nicht ohne jeden Grund als die prototypischen und bei weitem bekanntesten und verehrtesten Vertreter forcierten Deutschseins wahrgenommen werden:
Bück dich befehl ich dir
wende dein Antlitz ab von mir
dein Gesicht ist mir egal
bück dichEin Zweibeiner auf allen Vieren
ich führe ihn spazieren
im Passgang den Flur entlang
ich bin enttäuscht
Jetzt kommt er rückwarts mir entgegen
Honig bleibt am Strumpfband kleben
ich bin enttäuscht total enttäuschtBück dich…
das Gesicht interessiert mich nichtDer Zweibeiner hat sich gebuckt
in ein gutes Licht geruckt
zeig ich ihm was man machen kann
und ich fang zu weinen anDer Zweifuss stammelt ein Gebet
aus Angst weil es mir schlechter geht
versucht er tief sich noch zu bücken
Tränen laufen hoch den RückenBück dich…
Bück dich befehl ich dir
wende dein Antlitz ab von mir
dein Gesicht ist mir egal
bück dich nocheinmalBück dich…
(ich liebe ja diese Lieder, das ist die Wahrheit)
Radio Gaga
Er war laengst aus unserer Realitaet verschwunden, als sich diese Realitaet in die Keime unserer spaeteren Lebensentwuerfe aufloesen sollte, wir, das waren diejenigen, die sich schon damals brennend fuer das Aufloesungsvermoegen modernster Satellitentechnik interessierten, deren Eltern sich abends zum Kartenspielen oder in den Ferien zum sonnigen Stelldichein im laendlichen Frankenwald trafen, wir, das waren diejenigen, fuer die der Lebensweg der sogenannten Elite schon damals, oder aber zumindest damals, vorgezeichnet schien. Antonio hatte also nie ganz zu dieser Realitaet gehoert und er war laengst verschwunden, ausgesondert worden, bevor alle anderen den wie man sagt lebensentscheidenden Schulzweigen zugeordnet worden waren. Er war verschwunden, ohne dass sich jemand eigentlich gefragt haette warum, es war nur zu natuerlich, niemand wusste genaueres, er war einer derjenigen, die schon die ersten Jahre ihres Lebens auf einem immerwaehrenden Seins-Karussel durch die Realitaeten der Schulen dieser Stadt verbrachten, er passte scheinbar nirgends so recht, er war fuer einige Jahre eine Art Gast in unserer Realitaet und niemand hat gefragt als er verschwand. Antonio war also auf eine andere Schule versetzt worden, lang bevor wir die Nachricht von seinem Tod erhielten. Ich erinnere mich noch gut, dass einige Maedchen weinten, als die Nachricht mit der morgendlichen B.Z. in unsere unschuldige Kinderrealitaet gespuelt worden war, jene Maedchen, die vielleicht seine einzigen Freunde in diesen Jahren gewesen waren und dass jener staemmige Mathe- und Schwimmlehrer, jener, der im Urlaub auf den Philippinen seine spaetere, so ganz anders aussehende Frau kennengelernt hatte, gesagt hatte: so etwas duerfe man doch nicht tun, niemals duerfe jemand so etwas tun, es war eine furchtbare Dummheit. Er war auf eine vergebliche und fast komische Art wuetend und in mir war nichts als eine merkwuerdige Leere. Antonio war einmal, es muss in der zweiten Klasse gewesen sein, ploetzlich auf mich zugetreten, wir hatten ein paar Tage zuvor ein wenig gerangelt, ich weiss nicht aus welchem Grund, wie Kinder rangeln, nichts ernstes, er war also auf mich zugetreten und hatte mich mit einem seltsamen Ernst angeblickt und hatte mich gefragt, ob meine Eltern mich schluegen. Ich sagte, ja, hin und wieder tun sie das und er hatte gefragt, wer es sei, der mich schluege und ich hatte gesagt, dass es hin und wieder meine Mutter sei, aber auch mein Vater, aber dass es nicht der Rede wert sei. Er hatte mich mit diesem Ernst angeblickt und nichts weiter gesagt und erstmals und von da an hatte es eine Art Verbindung zwischen uns gegeben, die ich erst viel spaeter begriffen hatte, wir sind nie wieder in eine Rangelei geraten und ich wusste, dass etwas auf ihm lastete, das er niemandem erzaehlen konnte, aber erst viel spaeter wusste ich, dass auch auf seinen Eltern etwas lastete, das sie niemandem jemals hatten erzaehlen koennen. Wir haben uns spaeter, in der vierten Klasse, hier und da nach dem Schwimmunterricht in das Cafe des Schwimmbades gesetzt und was sonst nicht moeglich gewesen war, war dort und in diesem Moment, in jener wohligen Erschoepfung und mit noch leicht nassem Haar, mit dem Geruch der immergleichen Pommes mit Curry und Ketchup in der Nase, moeglich gewesen, wir sassen also zusammen und redeten ueber dies und das, wohl meist ueber den Schwimmunterricht und unsere Fortschritte die ‘Medaillen’ betreffend, er war sicherlich ein besserer Schwimmer als ich gewesen, der ich den Schimmunterricht eigentlich gehasst hatte, aber um dieser Momente nach dem Schwimmunterricht willen, dieser Gerueche, dieses Hungers und seiner Befriedigung und unseres Zusammensitzens willlens, lieb gewonnen hatte. Ich erinnere mich nur an eines unserer Gespraeche noch genau, ich hatte ihm eine Geschichte Drafi Deutscher betreffend aufgetischt, jenen Schlagersaenger betreffend, die mir meine Mutter in dieser Art offenbar wohlmeinend weitergegeben hatte. In dieser Geschichte war Drafi Deutscher wegen eines sehr seltsam anmutenden Vergehens von einem deutschen Gericht bestraft worden: er hatte ‘in Unterhose’ am Fenster stehend ‘Faxen’ gemacht, genauso hatte es mir meine Mutter zumindest erzaehlt. Mir war diese Geschichte selbst und schon damals etwas unglaubwuerdig erschienen und die Sanktion des Gerichts eindeutig zu hart, aber ich hatte an ihre Wahrheit geglaubt und Antonio hatte mich angesehen, mit so einem etwas ironischen und milden Blick und hatte gelacht, ‘in Unterhose‘ hatte er mehrmals wiederholt und mir war erst viel spaeter aufgegangen, dass er in diesem Moment vielleicht etwas gewusst hatte ueber mich und meine Mutter, das mir damals ganz unbekannt gewesen war. Wir hatten dann noch ueber die ‘relative Haerte’ von Marmor, Stein und Eisen diskutiert und festgestellt, dass es mit deren Haerte ja ohnehin nicht so weit her sei und wir hatten uns dann auf dem Nachhauseweg getrennt und ich haette damals wohl nicht geglaubt, dass ich mich noch 25 jahre spaeter an diese Momente erinnern wuerde. Viel spaeter erst, nicht als wir auf diesen B.Z.-Artikel starrten, der sein Photo zeigte, wie immer froehlich, hatte ich mich dessen erinnert und die B.Z. hatte neben dieses Photo geschrieben, dass er, bevor er sich in seinem Zimmer erhaengte, seine Lieblingsplatte aufgelegt hatte, die von Queen war. Und ich hatte spaeter immer wieder diesen Gedanken gehabt, dass, als seine Eltern ihn fanden, das letzte, das ihn von dieser Welt erreicht hatte und das ihm etwas bedeutet hatte und das ihn begleitet hatte, laengst verklungen war: Radio Gaga.