Kunst und Affirmation III: die ‘habituellen Linken’
Soweit zur ‘Seele’, um aber den Erfolg der Harzheim’schen Ideen zu verstehen, naemlich ‘links zu leben’ und rechtsextrem zu schreiben und zu denken, ist zweifellos eine genauere Studie der ‘Vordenker’ der neurechten Bewegung(en) in Deutschland vonnoeten, und wie ein wenig Stoebern kurzerhand aufdeckt: dieses Ineinandergreifen von scheinbar ‘sozialistischen Ideen’ und jenen des ‘Volkes’ findet man in Deutschland spaetestens seit den siebziger Jahren im Dunstkreis eines Henning Eichbergs am originellsten formuliert, weswegen wir uns diesem hier kurz zuwenden wollen. In Eichbergs Denken findet sich so ziemlich alles, das man im Kreuzberg der ‘Krisenjahre’ nicht geradezu bis zum Exzess gefunden haette: eine scheinbare ‘Entideologisierung’ des ‘rechts-links-Begriffes’ zugunsten einer wie von ihm formuliert eher ‘Habitus’-orientierten Deutung, in diesem Sinne waren die Nazis vor allem deshalb nicht links, weil sie ‘militaristisch, maennerzentriert und gewalttendent’ waren, andere, im ‘konventionellen Diskurs’ sozusagen ‘fehlgewichtete’ Eigenschaften der Nazis, als da waeren, ihr voelkischer Nationalismus, ihr Antisemitismus und Anti-Universalismus gerinnen da eher zur Fussnotenbedeutung und bleiben Eichberg so uebrig, sein ureignes ‘linkes Weltbild’ zu zimmern, Brodkorb und ‘Endstation rechts’ helfen gern:
(Frage)Habe ich das ansonsten richtig verstanden? „Links“ bedeutet für Sie, von unten zu denken, vom „Volk“, ausgehend vom Emanzipationsaspekt? Und „rechts“ bedeutet für Sie, in Hierarchien und von oben zu denken, ausgehend vom Herrschaftsaspekt?
Eichberg: Ja, das ist unter den Bedingungen der modernen Demokratie der grundlegende Widerspruch. Mit anderen Worten: Rechts denkt man von der Macht aus, sei es von der Macht des Marktes und des Produzierens oder von der Macht des Staates – und des Kriegs. Links denkt man vom Volk aus – wer immer das sei – und das ist der Blickwinkel von Kritik, Empörung, Veränderung oder auch – mit Peter Sloterdijk zu sprechen – Zorn. Zwischen diesen Grundhaltungen gibt es Übergänge und auch Mischformen, aber keinen Dritten Weg.
Soweit, so Kreuzberg-kompatibel, mit der kleinen Einschraenkung vielleicht, dass man unversehens das aufklaererische und in linken Kreisen nach wie vor nicht ganz untergegangene (allen Anthroposophen-Bemuehungen zum Trotz) Wort vom ‘Individuum’ durch das viel griffigere ‘Volk’ ersetzt (warum werden wir unten noch sehen) und unter diesem Gesichtspunkt gerinnt dann auch alles, was man ehedem vielleicht jenem ‘Volk’ haette ankreiden koennen, zu dessen legitimem Rechtsanspruch: der Antisemitismus der Deutschen und Europaer war ihre ‘Eigenart’ und Auschwitz ihre ‘Befreiung’, dass Brodkorb diese Art von Zuspitzungen in seinen Fragen tunlichst vermeidet, wirft nur ein Schlaglicht auf die ueberaus Nationalismus-affirmative Grundausrichtung des Gespraechs, die Eichberg ein weites Forum eroeffnet, seine Ideen von der Mitte nach links und zurueck nach rechts, gewissermassen, zu rollen, Grundthema seiner Identitaetsfindung war dabei immer sein regionaler Zusammenhang, wie er fast bei jeder Frage, die eigentlich seine eigentuemliche ‘Wendung’ von extrem-rechts nach ‘links’ in irgendeiner Weise glaubhaft machen will, einwirft, die Worte ‘linksnational’, ‘das Volk’, ‘die Befreiung der Voelker’ fehlen dabei in keiner seiner ziemlich eitlen Selbstbespiegelungen und lassen doch mit schoener Regelmaessigkeit den Machtbegriff genau dort auf wundersame Weise fort, sobald es darum geht, die Selbstbefreiung der achso unterdrueckten deutschen Nation mit den antikolonialen Befreiungskaempfen anderer Gesellschaften auf wirklich geradezu groteske Art gleichzusetzen:
Der eigentliche Perspektivenwechsel im Inhaltlichen, im ideologischen Überbau sozusagen, machte sich an der Bedeutung unterdrückter Völker und ethnischer Minderheiten fest. Hier spielten meine Irland-Reise 1971 und der Kontakt mit irischen Republikanern eine wichtige Rolle [koestlich]. (..) In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre liefen diese Übergänge dann bei mir persönlich schrittweise auf eine neue Identität bei der Neuen Linken hinaus. Das wurde gefördert zunächst durch die Auflösungserscheinung der marxistisch-leninistischen Orthodoxie, also die Öffnung der Ex-Maoisten und Spontis, und dann durch Rudi Dutschkes Wendung zur nationalen Frage [!]. Sie machten es möglich, dass meine Artikel zur nationalen Frage jetzt in Zeitschriften des linkssozialistischen, antiautoritären und anarchistischen Spektrums erschienen. Meine politische Position speiste sich damals also aus vier Elementen: dem Verständnis der nationalen Frage als demokratische Selbstbestimmung und Abkoppelung vom westlichen Kapitalismus, dem Traum von einem genossenschaftlichen Sozialismus, der Demokratie als Kernfrage (dass mir dies erst so spät aufging, hatte ich auch mit der Neuen Linken gemeinsam; entsprechendes gilt für die Friedensfrage) sowie der grüne Frage. Und bei alledem stand immer der Kampf gegen die Globalisierung und den Neoliberalismus als Klammer und Quelle der Entfremdung im Hintergrund.
Sicherlich, bei alldem verschwindet vor allem das allzu ‘Voelkische’ im eigenen Denken elegant als eher sekundaerer Aspekt im Gefolge einer scheinbar natuerlichen ‘Oeffnung’ emanzipativer linker Positionen zum guten alten Nationalismus europaeischer Praegung, der ja rein gar nichts mit den Menschheitskatastrophen der vorangegangenen Jahrzehnte zu tun gehabt hatte, gewissermassen eher unverbunden neben diesen gestanden hatte und nur darauf gewartet hatte, von den emanzipativen Bewegungen der ‘Voelker’, namentlich aber ausgerechnet von Dutschke, Eichberg und natuerlich Brodkorb in seiner ganzen Unschuld (nur wozu eigentlich?) wiederentdeckt zu werden. In Daenemark angelangt endlich, frisch befreit von der Vergangenheit, ersetzt man das allzu negativ belastete Wort ‘voelkisch’ durch das ein wenig verniedlichende und Hippie-kompatible ‘volklich’ und folgert:
Damit [mit seinem Umzug..] verschwand die nationale Frage jedoch keineswegs. Sie nuancierte sich jedoch und stellte sich auf andere Weise. Das zeigte sich dann an meinem Milieuwechsel nach Dänemark 1982. Nun waren Milieu und Thematik bestimmt von Volkshochschule und linkem Volksbegriff (dänisch folk), Grundtvigianismus und “volklicher“ Kulturkritik, Insellagern und dänischer Hippiekultur, unorthodoxer Linker, Socialistisk Folkeparti, Dritte-Welt-Solidarität und skandinavischem “Linksnationalismus“.
Die Simplizitaet, mit der Eichberg in der Folge des Interviews sowohl den Extremismus- als auch den ‘rechts/links’-Begriff auf eine ziemlich heuchlerische ‘habituelle’ Ebene stellt, auf der jeder, der nicht per se ‘gewalttaetig’ ist oder offen militaristisch auftritt, als Linker und Nicht-Extremist erscheint, jeder der aber, aus welchen Gruenden auch immer, zur Gewalt neigt, und Arendt wuerde da ganz anders argumentieren, mehr oder weniger ein rechter Extremist ist, zeigt wieviel ihm die ‘Befreiung der Voelker’ in Wirklichkeit wert ist: in seinem Herzen ist Eichberg ein Salonfaschist, der gewissermassen die Dreckarbeit anderen, die ideologische Vorbereitung, eben exakt *indem* er die Ideologie, die Inhalte und die Ideen scheinbar verneint und sie durch seinen wohlfeilen Rotwein-Habitus ersetzt, aber zu seiner Sache macht. Selbstbefreiung der Voelker: bitte, aber nur innerhalb eines Ideenkosmos, in dem Machtdifferenzen, auf denen der europaeische Kolonialismus fusste, unsichtbar werden und damit die Gewalt gegen moerderische [europaeische!] Kolonialherrschaft in letzter Konsequenz auf derselben Skala wie die Gewalt der deutschen Nationalsozialisten erscheint, die nach Eichbergs Lesart und immer unausgesprochen nur dort nicht mehr ‘links’ waren, wo sie allzu rabiat auf den Massenmord konvergierten, alles andere ist/war aber nach Eichbergs Lesart mehr oder weniger unumgaenglich zur ‘Selbstbefreiung der [europaeischen] Nationen’ (“Balkanisierung fuer jedermann”). Abseits dieser Nationen (von ihm weiterhin archaisierend ‘Voelker’ genannt) aber existiert fuer Eichberg das Menschliche schlichtweg nicht und welche Gewalt, natuerlich niemals offen bejaht, allein in diesem Konstrukt steckt, verschweigen sowohl Interviewer als auch der Interviewte selbst wohlweislich, schliesslich hat sich Brodkorb ja nicht umsonst als grosser Sarrazin-Fan geoutet. Aber lesen wir vorlaeufig abschliessend an anderer Stelle einige klare Worte:
Neurechts-nationalrevolutionaer orintierte Vordenker wie Henning Eichberg traten breits ende der siebziger mit der Kampfansage “Ethnopluralismus gegen Universalismus” in Erscheinung. An die Stelle des menschlichen Universalismus sollte das “Nebeneinander” ethnisch homogener Gesellschaften treten. “Wer von den Voelkern nicht sprechen will, soll von den Menschen schweigen”, so Eichberg. Die Absage an das menschliche Gleichheitsprinzip wirkt identitaetsstiftend fuer saemtliche Stroemungen der extremen Rechten.
Im neurechten Weltbild ist es die ethnisch hergeleitete Nation, welche sich einer angeblichen ‘Fremdherrschaft’ zu erwehren hat. Das geistige Band, durch das jene ziemlich heterogenen Kraefte, die als ‘neue Rechte’ firmieren, zusammengehalten werden, bildet der voelkische Nationalismus-zugleich identitaetsstiftend fuer das gesamte Feld des organisierten Rechtsextremismus. Wie die ‘Rasse’, so ist auch die ‘Nation’ eine soziale Konstruktion, wobei letztere sich auf einen souveraenen Staat und dessen Gewaltmonopol bezieht. Nationalismus und Rassismus bilden als Ideologien sozialer Ungleichheit zwei Seiten einer Medaille.
Kunst und Affirmation II: Kameradin
Und unversehens sieht man sich in eine Zwischenwelt, in eine Art Zwielicht geschleudert, wenn man sich fragt und zu fragen gezwungen sieht, was das denn waren fuer Frauen, die sich spaeter als die Freunde jenes Agitators und Menschenfeindes wiederfanden und man sieht sich gezwungen zu fragen was das fuer Frauen waren, die sich spaeter in diese Tochter des ueberlebensgrossen Schriftstellers phantasierten und und man fragt sich was sie denn waren, was sie getrieben hat und man bekommt zur Antwort: wir sind Menschen und wir haben geliebt, Andreas. Man sieht sie noch vor sich diese Frau, die man in jenem Kreuzberger Theater kennenlernte und die einen ploetzlich ansprach und ihr Blick sagte: ich kenne dich, ich weiss wer du bist und der man halbstundenlang von Mathematik erzaehlte, aus Angst, das Thema oder sich selbst zu verlieren, sich zu verlieren im Ungefaehren und sie nicht mehr zuhoerte und die irgendwann fragte, ohne etwas zu sagen, wir kennen uns erst eine Stunde, aber wir sind einsam, ich weiss du bist einsam und was ist deine Richtung nachhausezugehen? Und der man antwortete, ohne etwas zu sagen, was ist meine Richtung, also diese es ist weit und umstaendlich und wir koennten, aber denke doch nur diese Gefahren und überhaupt wie unaufgeraeumt meine Wohnung und du hast ja keine Vorstellung was koennte denn passieren, was koennte passieren in dieser Nacht. Und die man darob verstiess, deren Blick gesagt hatte, dieser Augenblick wird vielleicht niemals wiederkehren und man hatte es gewusst, dass dieser Augenblick nie wiederkehren wuerde und sie war ins Dunkel der Nacht verschwunden ohne einen Blick. Und es waren diese Frauen, die einem in einem schnellen Entschluss direkt auf der Wrangelstrasse vors Damenfahrrad liefen, die man noch anbruellte, nachdem man ihnen in einem scharfen Bogen ausgewichen war und die man dann ansprach, ohne sich zu entschuldigen und deren Augen sagten: ich kenne dich, ich weiss wer du bist. Diese Frauen, die sagten, sie moegen dieses Staatstheater nicht, dieses offizielle Theater, als man zufrieden in einem Buch blaetterte vor einem Antiquariat, das eben dieses Staatstheater darstellte und man hatte nichts sagen koennen, man war verlegen geworden, weil man ja im Grunde wenig anderes kannte als das: das Staatstheater und diese Frauen hatten spaeter gesagt: ich habe dir diese falsche Nummer gegeben Andreas, aber ich habe es nicht mit Absicht getan. Und es waren jene Frauen gewesen die gesagt hatten oder es angedeutet hatten, dass ihre Eltern aus Marokko gefluechtet waren, oder aus Tunesien, dass sie politische Fluechtlinge gewesen waren und sie in Reinickendorf aufgewachsen war, als Kind einer juedischen Familie aus Marokko, aber das hatte sie ja nicht gesagt, als wir dort sassen, in jenem veganen Restaurant an der Wiener Strasse und wir gluecklich gewesen waren, gluecklich fuer diesen Moment uns hier gefunden zu haben. Und sie hatte gesagt: Andreas, ich habe eine Auffuehrung in vier Wochen, wirst du kommen und man hatte gesagt, ja ich werde kommen, ich werde dort sein, es versteht sich doch von selbst und am Ende war man nicht dortgewesen, man war nicht hingegangen, vielleicht aus Angst, vielleicht war man auch nur zehn Minuten zu spaet gewesen und man hatte den Tuersteher angebruellt, so laut, dass sie es im Theater, auf der Buehne hatten hoeren muessen. Und es waren diese Frauen, die gesagt hatten: hier koennte ich mir vorstellen zu wohnen, hier in Neukoelln, als man sich auf der Sonnenallee von ihnen trennte, die man jahrelang vermisst hatte und die man viel spaeter bei facebook gefunden hatte, auf diesen kleinen unscharfen Bildchen und die geschrieben hatten: Andreas, ich erinnere mich kaum an dich, wo haben wir uns getroffen, ich lebe jetzt in einer anderen Welt, weit weg von Berlin, weit weg von Kreuzberg und ich bin gluecklicher hier, gluecklich hier zu sein. Und es waren diese Frauen, die aufgingen in den Traeumen der Vergangenheit, die mit leuchtenden Augen auf diesen kleinen unscharfen Fotos diese Gewaender einer laengst vergangenen, vielleicht goldenen Epoche trugen und die einem Bilder von meditierenden Moenchen schickten und die sagten ohne es zu schreiben: sieh, sie erinnern mich ein wenig an dich.
Kunst und Affirmation I: eine Einleitung
Weiterhin hoechst faszinierend ist, und diese Beobachtung wird uns zu einer Serie von neuen Beitraegen überleiten, die sich vorwiegend mit dem Thema ‘Kunst und Affirmation’ beschaeftigen sollen, dass man in Deutschland, vor allem aber in Berlin in den Jahren der ‘Krise’ ohne weiteres offen und ohne dies in irgendeiner Weise zu bschoenigen, mit dem Chefredakteur der seit neuerem irgendwie hippen Rechtsaussen-Postille ‘Junge Freiheit’, Dieter Stein, facebook-befreundet sein kann und doch- oder gerade deshalb- eine beeindruckende Liste von Kuenstlern, wie wir schon diskutierten, vor allem aber Kuenstlerinnen, Schauspielerinnen und ‘IntellektuellInnen’ haben kann, die sich allesamt offenbar mit dem Gedanken entschuldigen, es in jenem leidenschaftlichen Junge-Freiheit- und E. Juenger-Fan gewissermassen mit einem ganz und gar als ‘outlaw’ und heroisch Vereinzelten zu verstehenden Charakter des deutschen Befindlichkeitsspektrums zu tun zu haben. Dass sich einige dieser Schauspielerinnen folgerichtig in Theaterunternehmungen betaetigen, die unter dem Mantel Ernst Juenger zu ‘kritisieren’, dessen blauaeugige, kindliche und am Bodensatz seiner ‘Facetten’ faschistische Unterordnung in der ‘Totalitaet des Lebens’ und Verherrlichung von ‘Staerke’, mithin Gewalt, nonchalant und hoechst unterhaltsam aufnehmen, ficht ganz offenbar keinen von Ihnen an. Dass zudem neben dem ‘hippen’ Friedrichshainer Harzheim vor allem wirklich fiese Nazis (siehe Rabehl), Holocaustleugner, Frauenfeinde und erzrechte Nationalisten fuer die Junge Freiheit schreiben, ficht diese KuenstlerInnen scheinbar ebensowenig an, solange man diese Nationalismen, Chauvinismen und Rassismen mit dem guten und allseits, also auch auf NPD-Seite, ja bekanntermassen bejahten, ‘Ethnopluralismus’ (deutscherr Praegung) erklaeren kann und Oswald Spengler von Leuten, die nichtsdestotrotz gleichzeitg seltsamerweise auf Seiten wie dieser als Nazis gefuehrt werden, zu einem Naturliebhaber und Denker stilisiert wird, der eben die ohnehin zweifelhafte Zivilisation immer schon als jenseits und Antagonist der Kunst verortet hat. Dieser Begriff von Kunst aber, der gewissermassen so tut, als sei das Materielle’, aber auch die ‘Vernunft’, die Wirklichkeit, kein Gegenstand von Kunst, sondern befinde sich gewissermassen in staendigem ausschliessendem Widerstreit mit den ewigen ‘Inneren’ Elementen des Seins, in denen man das Reich des Schoenen allein vermutet, so als muesste man die Seele, die irgendwo im ewigen Tierischen wurzelt, gewissermassen fuerderhin weiter nach ‘innen’ befreien, und nicht nach aussen, also in ihre Konkordanz mit den materiellen Verhaeltnissen, wird uns noch laenger, vor allem mit Texten von Herbert Marcuse, zu beschaeftigen haben. Aber vielleicht findet man den eigentlichen Grund fuer diese stupende Politik- und Ratioverachtung weiter Kreise des ‘kuenstlerischen Berlins’ in Wirklichkeit in den affirmativen Wurzeln der buergerlichen Kunst, affirmativ in genau dem Sinne, Seele und Koerper zu trennen, politische Wirklichkeit und ‘Innenschau’ und materielle Armut und Abhaengigkeit, Verfolgung von ‘ethnisch unpassenden’ Elementen mit gleichsam dem ewigen Kampf der Elemente ‘zu erklaeren’ und gleichzeitig die Verfolgten und Geknechteten ‘nach innen zu befreien’, waehrend die ueblichen Eliten, siehe Harzheim, siehe Udo di Fabio, siehe Sarrazin, sich ob der Naivitaet ihrer heimlichen Bewunderer und Affirmierer aus der zweiten Reihe des nationalen Kuenstlertums ins Faeustchen lachen. Aber nein, wir vergassen, die Affirmierer treten ja heute, wie ehedem, mit dem ‘Occupy’-Banner in der Hand ebenso auf und gaukeln vor, das ‘Andere Leben’ begaenne schon, wenn nur endlich die Banken verstaatlicht oder doch zumindest entjudet, wie man kaum unterschwellig an jeder Ecke lesen muss, waeren, wie konnten wir dieses alles entscheidende Detail uebersehen, das die Einsamen und Vernunft-Eckensteher von denjenigen unterscheidet, die innerhalb ihres Heroen-Status bei ihren kleinen, ziemlich abhaengigen und allesamt irgendwie suedlichen Kreuzberger Filmstudentinnen erfolgreich und dutzendweise ihren Doedel zu deponieren zu wissen, schliesslich wirkt ja die heroische SS-Stiefelaesthetik noch bis ins Berlin der Postmoderne fort, wovon sich jeder mit einem Blick in die buergerlichen ‘Szenebezirke’ dieser schoenen Stadt ueberzeugen kann. Aber lesen wir zur Einstimmung und als Versuch einer Erklaerung vielleicht dies (Marcuse: Kultur und Gesellschaft I [1934-38], Kapitel Über den affirmativen Charakter der Kultur):
Wie sehr die idealistische Innerlichkeit mit der heroischen Aeusserlichkeit verwandt ist, zeigt beider gemeinsame Frontstellung gegen den Geist. Neben der Hochschaetzung des Geistes, welche in einigen Bereichen und Traegern der affirmativen Kultur charakteristisch war, ging immer schon eine tiefe Verachtung des Geistes in der buergerlichen Praxis einher, die in der Unbekuemmertheit der Philosophie um die wirklichen Probleme der Menschen ihre Rechtfertigung finden konnte. Aber noch aus anderen Gruenden war die affirmative Kultur wesentlich eine Kultur der Seele, nicht des Geistes. Auch wo er noch nicht verfallen war, war der Geist immer schon etwas verdaechtig: er ist greifbarer, fordernder, wirklichkeitsnaeher als die Seele, seine kritische Helle und Rationalitaet, sein Widerspruch zu einer vernunftlosen Faktizitaet ist schwer zu verbergen und zum Schweigen zu bringen. Hegel passt schlecht in den autoritaeren Staat. Er war fuer den Geist; die Neueren sind fuer Seele und das Gefuehl. Der Geist kann sich der Wirklichkeit nicht entziehen, ohne sich selbst aufzugeben; die Seele kann und soll es.
Der Umschlag aber von der ‘Erloesung der Seele’ in der affirmativen buergerlichen Kultur zur totalen Mobilmachung der Koerper und der Verstuemmelung und Ausrottung des Geistes war nach Marcuse nur ein zwangslaeufiger Schritt, die Vorbereitung des totalitaeren Staates:
Das seelenvolle Individuum fuegt sich leichter, beugt sich demuetiger unter das Schicksal, gehorcht besser der Autoritaet. Es behaelt ja den ganzen Reichtum seiner Seele doch fuer sich und kann sich tragisch und heroisch verklaeren. Was seit Luther ins Werk gesetzt wurde: die intensive Erziehung zu inneren Freiheit, traegt jetzt die schoensten Fruechte, wo die innere Freiheit sich selbst zur schoensten Unfreiheit aufhebt. Während der Geist dem Hass und der Verachtung anheimfaellt, bleibt die Seele teuer.(..) Die Feste und Feiern des autoritaeren Staates(..) die Reden seiner Fuehrer sprechen weiter zur Seele. Sie gehen zu Herzen, auch wenn sie die Macht meinen.
Michèle Kiesewetter und der vergessene Voelkermord: eine Kontinuitaet
An dieser Stelle muessen wir, da es offenkundig niemand sonst tut, auf einen gar ‘unsichtbaren’, jedenfalls aber zumindest in der journalistischen deutschen Oeffentlichkeit so ziemlich ignorierten Aspekt der rassistischen Mordserie durch jene inzwischen sattsam bekannte ‘Jenaer Neonazi-Terrorzelle’ zu sprechen kommen, der gleichwohl eine bedrueckende Korrespondenz in der Geistesverfassung der deutschen Mehrheitsgesellschaft traegt. Wer sich fragte, warum Michèle Kiesewetter trotz ihres offenbar, zumindest in der Perzeption der Mehrheitsgesellschaft, ueber jeden Zweifel erhabenen Status als Polizeibeamtin die einzige war, die noch NACH Aufdeckung des rassistisch-’rechtsextremen’ Hintergrundes der Mordserie offen von Medien, Staatsanwaltschaft und Polizei der Mitschuld, fast moechte man sagen, Mittaeterschaft an ihrem eigenen Mord, beschuldigt worden war, findet, trotz der offenbar jedem im schoenen D. bewussten Faktenlage, einen offenen Hinweis erst nach langer Suche in einer Publikation bzw. Stellungnahme des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland:
Romani Rose forderte den Bundesinnenminister auf, bei der Aufklärung dieser rassistischen Mordserie umfassend zu ermitteln und den Mordanschlag in Leverkusen gezielt einzubeziehen. Nach dem Brandanschlag auf ein von Roma bewohntes Haus am 25. Juli dieses Jahres, bei dem der Tod von ganzen Familien in Kauf genommen worden war, hat der Zentralrat auf die potentielle Verbindung zu Rechtsradikalen hingewiesen. Aus heutiger Sicht entspricht das Vorgehen der Täter in Leverkusen dem Muster der Anschläge, insbesondere daß die Täter Videoaufnahmen des Anschlags aufgenommen hatten. Ebenso wie bei den Morden an den türkischen Bürgern wurden bei dem Anschlag in Leverkusen die Opfer und die Angehörigen der Minderheit selbst verdächtigt, die Anschläge verursacht zu haben. Bei dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter waren Sinti und Roma pauschal und in haltloser Weise von Polizei und Justiz als potentielle Täter („aus dem Sinti-Roma-Milieu“) öffentlich stigmatisiert worden.
Wohlgemerkt: nach offizieller Darstellung deutscher Medien handelte es sich bei dem Mord an Michèle Kiesewetter um einen ‘Polizistenmord’ und solange es nicht darum ging, das Mordopfer praktischerweise der Mitschuld zu zeihen, war man damit offenbar auch allseits zufrieden und beging damit unter dem unausgesprochenen Deckmantel der ‘Farbenblindheit’ genau den Fehler, der den Rassismus in Deutschland seit jeher befeuert: die offizielle Haltung, ‘Hautfarbe’ angeblich zu ignorieren, ignoriert gleichzeitig jene, denen jedes irgendwie geartete ‘biologische’ Unterscheidungsmerkmal gerade recht ist, entweder ihre eugenisch-sozialdarwinistischen ‘Theorien’ zur ‘Sozialhygiene’ in Deutschland unters Volk zu bringen, siehe Sarrazin, oder aber ihren banalen biologischen Rassismus auf geeignete Mordopfer konvergieren zu lassen. Dabei zeigt der Fall Kiesewetter doch gerade eines am deutlichsten: dem Rassisten, vor allem aber dem Rassisten deutscher Couleur, geht es niemals um ‘objektivierbare’ Umstaende, gar die apostrophierten ‘kulturellen Faktoren’ a la Benoist, es geht ihm um krude, irrationale Ableitungen, die angebliche oder tatsaechliche ‘biologische Merkmale’ zur Charakterisierung stereotypisierter und abwertender sozialer Kennzeichen heranziehen, fuer die Nazis a la ‘NSU’ musste deshalb ein etwaiger ‘nicht-arischer’ Familienhintergrund der Michele Kiesewetter hinreichen fuer ihr Todesurteil: exakt die Anwesenheit der vermeintlichen ‘Zigeunerin’ in der ‘Ordnungstruppe’ der Bundesrepublik muss fuer den Rassisten das offenkundigste Zeichen ‘innerer Verrottung’ der heutigen Bundesrepublik sein, ganz so, wie die NS-Propaganda in den zwanziger und dreissiger Jahren die ‘Verwahrlosung’ der franz. Alliierten an der Anwesenheit von in den franzoesischen Kolonialgebieten rekrutierten schwarzen Soldaten im Rheinland festmachte und jahrezehntelang erfolgreich mit diesem Hassbild in der deutschen ‘Mitte’ agitierte, das schliesslich in die umfassende Sterilisation weiter Kreise der (Nachkommen jener) Schwarzen Soldaten, genannt ‘Rheinlandbastarde‘, fuehrte. Wie man bei Hilberg nachliest, fuerchtete die NS-Fuehrung in Berufung auf ‘wissenschaftliche Expertisen’ der ‘angesehensten Rassenforscher’, dass der ‘deutsche Volkskoerper’ bei nicht sofortigem Eingreifen schon nach wenigen Jahrzehnten zu ca. ‘einem Drittel’ durch jene ca. 80 Kinder Schwarzer Soldaten und weisser deutscher Muetter ‘bastardisiert‘ waere. So also fuegt sich die Ermordung von Michèle Kiesewetter zwanglos in das Panorama des neuen deutschen Rechtsextremismus der Mitte als nichts anderes als eine krude rassistische Tat und das Verschweigen dieses offenbaren Umstandes durch die deutsche Mehrheitspresse, wo nicht sogar die Kriminalisierung des Umfeldes des Opfers betrieben wurde, wir berichteten darueber ausfuehrlich in anderen Zusammenhaengen, fuegt sich zwanglos in das sattsam bekannte Verschweigen und Relativieren (‘ das waren ja Kriminelle’: O-Ton deutscher Nachkriegs-Politik) des Voelkermordes durch Deutsche an den Sinti und Roma in Europa.
Arbeit macht frei oder: eine Kultur im Niedergang
Nun ist es ja nicht so, dass der truebe Alltag in dem auf fast grausam-wundersame Art nunmehr selbst in den letzten (‘alternativen’) Ecken jener schoenen heilen Welt der westlichen Hemisphaere hochgejubelten Berlins, dass also dieser Alltag nicht bekanntermassen zu den verstoerendsten Geschehnissen fuer jedweden denkenden Menschen Anlass gaebe. Die Art der Haeufung aber einer bestimmten mehrheitskonformen Denkfigur und ihrer erdrueckenden Rueckkopplung auf den Alltag und gewissermasen die blosse physische Existenz jener erwaehnten Menschen und ihrer Denkfiguren aber nahm unterdessen derart groteske Zuege an, dass weiterees Schweigen einem Verbrechen gleichkaeme, das sich selbst zum Komplizen jener Verhaeltnisse machte, die der Alltag in der entfremdeten, dem Kapital und dem Krieg geweihten Gesellschaft gewissermassen tautologisch erzeugt. Dem ‘Kapital und dem Krieg’ geweiht, was aber hiesse dies genau in Zeiten, in denen die Krise das schlechteste dieser Gesellschaft mit unerbittlicher Gruendlichkeit und Genauigkeit zutage foerdert, ob es der unerbittliche Diskurs des Hasses ist mit dem der Mehrheitsperzeption widersprechende, aufzubegehren wagende Minderheiten in einem Reflex der Gewalt gebrochen werden sollen, ob es die ‘juedischen Bankhaeuser’ sind, die in einem Reflex der Reaktion von ‘renommierten Tageszeitungen’ in Berufung auf halbgare und tendenzioese ‘Wissenschaft’ fuer die in der Essenz unverstandenen Missstaende verantwortlich gemacht werden sollen, die zu tief in einer Gesellschaft, in einer Zivilisation selbst gegruendet sind, um fuer den allzu fluechtigen Beobachter noch sichtbar zu sein. Die oekonomische Krise der sich in der Projektion auf den industriellen Fortschritt erschoepfenden Gesellschaft also, so muss man es wieder sagen, und wir werden das noch genau zu begruenden haben, kehrt die Barbarei hervor, nicht einmal nur die des animal laborans, den um der reinen Selbsterhaltung wegen existierenden, also vegetierenden, dem blossen ‘Lebenstrieb’ froenenden Menschen allein, sondern die Einverleibung von Kunst, Widerstand und Aufbegehren nach einem ‘anderen Leben’ in die Maschinerie der Produktion von ‘sinnstiftendem’ Konsumgut, von ‘sinnstiftender Arbeit’, von Unterdrueckung und geistiger und kultureller Verwahrlosung selbst. Und so wird von Kuenstlern erwartet, unter aeusserstem materiellen Leidensdruck eben exakt das Lied der Mehrheit, der Industriegesellschaft zu singen, auf die eine oder andere Art, denn entgehen sie diesem Leidensdruck, entgehen sie ihrer Freiheit in Affirmation, entgehen sie aber dem Freiheitsentzug, so schlaegt sie die Knute der kapitalistischen Wachstumsbedingungen aber mit unbarmherziger Haerte und projiziert sie wiederum auf die Unfreiheit der materiellen Not in einem Masse, wie es in der menschlichen Geschichte, die immer von Leiden, Muehsal und Abhaengigkeit aber auch von einer Ahnung nach einem ‘anderen Leben’ und nach einem Fortschritt um des Menschen willen, gepraegt war, einmalig ist. Die Krise aber foerdert den Wunsch nach Entaeusserung in Gewalt zutage, in Gewalt gegen die ‘ueberfluessigen Esser’, die ‘anderen’, die Schwachen, die Aussenseiter, Neinsager und Utopisten, eine Gewalt die woertlich gemeint ist und durchgreift auf das Elementare, koerperlich durchgreift, geistig, eine Gewalt die der Seele und dem Geist keinen Raum fuer Hoffnung laesst, weil das Motiv der Hoffnung selbst dem System auf falsche, verlogene und irrefuehrende Art einverleibt ist. Der Niedergang der kapitalistischen Gesellschaft aber vernichtet nicht nur die Freiheit und die Kunst, er vernichtet das Denken selbst, er definiert und desavouiert das Denken, in dem jedweder Fortschritt allein stets wurzelte, als einen den Fortbestand der Gesellschaft selbst gefaehrdenden Akt, er ueberantwortet das Denken, das immer auch und vor allem eine Domaene der Aussenseiter und genialen Eckensteher war, zu einer Domaene der Kohorten, der ‘Teams’, der im Trivialen und in der Reproduktion erstickenden wissenschaftlichen Massengesellschaft, fuer die jedwede grundlegende Kreativitaet, jedweder das Bestehende nach aussen stuelpende und zu etwas wahrhaft neuem transformierende Akt zu einer furchtbaren Bedrohung geworden ist und die genau deshalb frenetisch die Abarbeitung von mehr oder weniger banalen Programmen von Klassifikation, Speicherung und Manipulation von menschlichen Genomen, von einem pseudowissenschaftlichen Design und Phantasma des ‘machbaren Menschen’ zu einem neuen Phantasma und Zentrum des Fortschritts erhoben hat, es geht wider die Eckensteher, die Bedaechtigen und wider die Vorsicht und die Grundierung im historisch-erinnernden Prozess, die fuer den Krieg gemachte Wissenschaft ist eine Wissenschaft des Eliten- und Trend-Getoeses und des besinnungslosen Kollektivs genauso wie die fuer den Krieg gemachte Kunst eine Kunst weniger der Affirmation als der tranformierten, absorbierten und bis zur Unkenntlichkeit entstellten Rebellion ist. So also muessen dem Autor die Derivate dieses umfassenden Angriffes auf den Menschen und das Denken schlechthin und als grauenhafte Fratzen des ‘hippen Berlins’ erscheinende Begleitumstaende dieser Fixation auf das Machbare, die Technik, das stets und unmittelbar greifbare, zutage tretend um in einer umfassenden Entwertung geistigen Fortschritts und Kultur zu muenden, als nichts anderes als ‘neue Partylocations’, ‘Nebenjobs im Restaurant’, hippe Vernissagen in ‘Migrantenbezirken’, sie muessen dem Autor als die um des reinen Lebenszweckes die praktische Arbeit preisenden Grafikdesigner erscheinen, die von einem wirklichen Kontrakt zwischen den Generationen und demjenigen zwischen Vergangenheit und Zukunft, der kulturellen Verantwortung gegenueber denjenigen die nach uns kommen, noch nie etwas gehoert haben, und fuer die die Ergebnisse der Theorie endlicher Koerper, die heute in von den trivialsten Arbeitsprozessen begleiteten Mobiltelefonen, CD-Spielern und globalen Kommunikationsnetzen unverzichtbar sind, noch vor dreissig oder vierzig Jahren ein Affront gegen die Gesellschaft schlechthin gewesen waeren. Mit dem Niedergang der kapitalistischen Gesellschaft in der Krise verliert diese also genau das, was ihr durch die Jahrtausende das Überleben sicherte: sie verliert ihre Erinnerung an die Vergangenheit gleichermassen wie sie ihre Wertschaetzung der Zukunft verliert und in dieser umfassenden Entwertung von Vergangenheit, Gedaechtnis und Zeitlichkeit des Menschen scheint an einem duesteren Horizont auf, was der Mensch im Industriezeitaler schon einmal verlor: den Glauben an seine Wuerde und seine Zukunft, und der Verlust und die Konsequenz dessen war nichts anderes als das Ende der Menschheit.
Beyonce vs. Keersmaeker: in the realms of privilege
We have to elaborate shortly on a theme the mass-media seemed to have perceived as another more or less dramatic manifestation of the well-known phenomenon of ‘plagiarism’, however, for our purposes this incident seems interesting from several different points of view, that is, we have the white european choreographer, Anne Teresa de Keersmaeker, who is famous in any realms of bourgeois ‘dance&fine arts’, who is known for her feminist and emancipatory statements, both in dance and ‘political discourse’. On the other hand, we have the world-famous black artist and singer, Beyonce, seemingly known for her ‘sensually suggestive’ video styles and her tendency, cf. here for repeated copyright violations in the realms of art or (music-)business. So, at first sight, the lines of confrontation seem more than clear: the righteous, but relatively poor and unknown, intellectual Keersmaeker vs. the rich, business oriented internationally-successful singer Beyonce. Given this, it is interesting to consider the ‘subdiscourses’ such events initiate, and as anyone knows, these subdiscourses find brilliant mirrors in such commentary sections as one might find for instance on youtube. Here one reads, as an example, as one of the (highest-rated) comments showing the purportedly plagiarized Keersmaeker-piece ‘Rosas danst Rosas’:
To the Beyonce fans: Stop talking and watch. This is a very powerful piece and you should take it for what it is. Its purpose is not to discredit Beyonce, but to influence you. Appreciate the art.. Open your eyes and your mind to something different, something new, something that had it not been for Beyonce referencing something she felt was beautful and dynamic you would have never seen before. Art is constantly being replicated and expressed in different forms. But nevertheless its art!
And certainly given the overall quite Beyonce-unfriendly bias of the comments the ‘good, educating intention’ in the above cannot be ignored, but still: is it a mere coincidence that Keersmaeker’s company consists exlusively of white, seemingly even socially privileged dancers, but that Belgium has at the same time, i.e. its capital, an extremely diverse society, which is nonetheless characterized by strong forms of racial and social segregation? Does Keersmaeker, given her 25 years of politically active dance, indeed face the theme of the colonial past of her society appropriately when adopting, as an illustration, in one of her pieces, certainly in a sense that seems to transcend its message, displayed projections of films like ‘Birth of a nation’, in combination with US-folk-songs obviously intended as a ‘bitter’ comment on the intertwinement of US-american patriotism and the alleged unrecognized racism of the underlying American discourses? In short, does Keersmaeker at least in rudiments transcend the well-known picture of white european leftists blaming ‘America’ for its unresolved challenges of ‘multiculturalism’, but for themselves quite obviously ignoring to a large extent the structural mechanisms leading to establishing their own ‘white intellectual’ context? Certainly, Keersmaeker will respond as we already witnessed in case of the german liberal-’leftist’ party ‘Piraten’ concerning their near-zero percentage of female/PoC activists: the society (or certain parts, i.e. the PoC/female-parts of it) is not sufficiently progressive for our purposes. And certainly, this indeed comes as a blatantly distorted argument, when even the director of Keersmaeker’s video claims with respect to Beyonce: ‘Copying her videos would have got me killed’, as one can see and hear in a video published by the british telegraph. In short: the black (female) violent American vs. the peaceful, righteous, European white intellectual? We close our comments with a remark from another comment section, that probably gives a hint concerning the underlying mechanism feeding the above discourses: the white privilege is tautologically defining the rights of the superior segment of society and neither commercial success, nor arguments nor millions of fans worldwide will transform the black individual into a ‘white bourgeois intellectual’ defining the realms of ‘scientific’ discourse (i.e. the ‘standards’ of ‘dance research’ and intellectual property) worldwide:
The fact is,the Belgian Choreographer [Keersmaeker] has herself borrowed EXTENSIVELY from others and never acknowledged that she did so! She stole from Nijinksy like the other poster said,but also stole from Yvonne Rainier,Lucinda Childs, Martha Graham,Merce Cunningham and many others! She also stole the costume for the work in question from Edgar Degas,and from the movie Flashdance,and took the setting and her hairdo from Flashdance as well. So she needs to shut up about Beyonce,because Beyonce acknowledges her influenxes WAY more than this woman herself has done. It is RIDICULOUS to criticize Beyonce on this woman’s behalf as she appears to have stolen whole segments of choreography from others in Modern dance…
And certainly, if Beyonce would be white and male and her name would be Tarantino, she would have been praised worldwide for the subtle ‘citations’ in her video that ‘only the experts’ could ingeniously decipher..but of course: racism is over.
Gender und postmoderne Politik: eine Verwirrung
Hier vielleicht an etwas exponierterer stelle mein kommentar zum Blogbeitrag der Philosophie-Studentin und Piraten-Aktivisten Lena R., die relativ unsymphatische und reichlich virile Physiker-Mitbewohner hat(te), nebenbei bemerkt, die weiland jedwedes Date mit hyper-intellektuellen StudiVZ-Nutzerinnen ruinierten und von wirklicher Mathematik im vertrauen gesagt auch nichts verstanden. Wie dem auch sei, in ihrem blog kommentiert Lena R. unterdessen das ‘gender-Problem’ der Piratenpartei unter zweierlei Gesichtspunkten, die, wie ich finde, durchaus endemisch sind fuer das (Selbst)Verstaendnis jener Partei: der erste Punkt konvergiert ungefaehr darauf, die Inhalte der Piratenpartei als ‘zu fortschrittlich’, um mit der stereotypen Sozialisation heutiger Frauen kompatibel zu sein, zu deklarieren, man dreht das Problem also um: aus dem Genderproblem der Piraten wird ein Rueckstaendigkeitsproblem der Gesellschaft, vor allem aber der Frauen. Dass man hierbei implizit glaubt, die Piraten, selbst in ihrem Berliner Landesvorstand muessten gewissermassen den relativen Anteil ‘progressiv/internetaffin’ gesinnter Frauen an der *Gesamtbevoelkerung* repraesentieren, so als seien die Piraten eine Art ‘Statistik’ fuer die Grundgesamtheit ‘progressiver/internetaffiner’ Menschen in Deutschland und der Landesvorstand nur eine Stichprobe, wuerden diese also (pseudo)mathematisch repraesentativ vertreten muessen, geht hierbei unter. Denn natuerlich kann eine Minderheit, gerade von der Groesse der Piraten, sehr gut auf die Verteilungsverhaeltnisse in der ‘Grundgesamtheit’ pfeifen, sollte sie sogar, muesste sie sogar, um genau das zu sein, was man behauptet: so ganz anders. So aber schreibt man:
Damit haben wir nun aber auch einen Handlungsauftrag: Wenn (wie ich annehme) Menschen mit XX-Chromosom nicht von Natur aus keinen Bock haben, Piraten(vorstand) zu werden, dann ist unsere Partei derzeit wohl wenig kompatibel mit klassisch weiblicher Sozialisation.
Darueber hinaus argumentiert man bezeichnenderweise mit dem ‘Unbewussten’:
Banaji, Greenwald und Nosek stellten mittels mehrerer aufeinander aufbauender Studien [2] fest, dass Frauen Mathematik um so negativer gegenüberstanden, sich um so weniger selbst als mathematische Person bezeichneten und um so schlechter in Mathematiktests abschnitten, je stärker sie Mathematik unbewusst mit Männlichkeit verknüpften und je stärker sie sich selbst als Frauen identifizierten. Umgekehrt schnitten Männer um so besser ab, mochten Mathematik um so lieber und bezeichneten sich um so öfter als mathematische Person, je stärker das Stereotyp unbewusst in ihnen verankert war und je stärker sie sich als Männer identifizierten. Interessant ist: Bei den Teilnehmenden dieser Studien handelte es sich ausschließlich um Personen, die von sich selbst behaupteten, keine bewussten Überzeugungen der Art zu besitzen, also keinesfalls der Meinung zu sein, dass “Mathe nix für Mädchen” sei. Die Stereotype konnten ihnen über einen Verknüpfungstest ausschließlich als unbewusste Annahmen nachgewiesen wurden.
Nun, die Befragung hat wohl vor allem die ‘abgefragten Ueberzeugungen’ von den tatsaechlichen Ueberzeugungen diskriminiert, warum man hier das sog. *Unbewusste* heranziehen muss, das durchaus seit jeher im Rufe steht, nicht eben emanzipative Argumentationsmuster zu bedienen oder sich aus diesen zu speisen, den Menschen also gewissermassen wesentlich durch nicht-menschliche, da nicht bewusste Gehirnprozesse, die wiederum nur Spiegel oder gar Motoren nicht-reflektierter, ‘tiefsitzender’ gesellschaftlicher Prozesse sind, zu determinieren, bleibt unklar. Jedwede Diskurse um Rassismus, Feminismus und Diskriminierung lassen sich mit dem Verweis auf ‘unbewusste gesellschaftliche Muster’ letztlich zu Gunsten der Hegemonie weitgehend neutralisieren. Fazit: die Unterrepraesentation der Frauen in der Piratenpartei soll als ‘unbewusstes’ und angesichts der ‘progressiven Programmatik’ unvermeidliches, Resultat gesellschaftlicher Hegemonialprozesse verstanden werden, fuer die man gewissermassen ‘nichts koenne’ – dass man sich eher die taeglichen Diskurse in der Piratenpartei anschauen sollte, die offenbar dazu fuehren, dass man wie wenige andere Parteien vom Aktivismus einer gender-egalitaeren urbanen Utopie weit entfernt ist, bleibt dabei leider aussen vor.
Kameradin, Kameradin
Kameradin, ich sah dich in der Menge, deine Augen hatten es mir gesagt, du hattest nein gesagt, einmal zweimal dreimal, nein gesagt zu ihrer Wirklichkeit.
Kameradin, ich sah dich in der Menge, deine Augen sagten es mir, du wuerdest wieder nein sagen, zu ihren kleinen Demuetigungen, ihrer Angst, du koenntest so werden wie sie, ihrer Angst.
Doch Kameradin, ich hatte deine Augen in der Menge gesehen, einmal zweimal dreimal, die nein gesagt hatten, zu ihrer Angst, du koenntest so werden wie sie, denn so wie sie wuerdest du niemals werden, ihr Gefaengnis das sie Freiheit nennen wuerdest du niemals betreten.
Kameradin, ich hatte deine Augen in der Menge gesehen und diese Augen sagten nein, und diese Augen waren wie die meinen und obwohl dein Gesicht nicht wie das meine war, dein Haar nicht wie das meine, deine Haut nicht wie die meine, hattest du meine Augen gesehen, die waren wie die deinen.
Kameradin, sie wollten sie dir nehmen, nachdem sie dir deine Freiheit genommen hatten, deine Wohnung und deine Kinder, wollten sie dir deine Gedanken nehmen, deine Wuerde, deine Augen und du hattest nein gesagt, das Haus ihrer Raubtaten wuerdest du niemals betreten.
Kameradin und ich hatte dich erkannt, an deinen Augen, in der Menge, in der du nicht allein warst, hatte ich dich gesehen und ich hatte gewusst, du hattest mich gesehen und du wusstest dass du nicht allein warst und du hattest nein gesagt einmal zweimal dreimal.
(nach Bernard Marie Koltes)
Rechter ‘Universalismus’ vs. linker Universalismus: Herrschaft vs. Emanzipation
In der oeffentlichen ‘Debatte’ um die Einordnung des rechtsradikalen Massenmoerders von Oslo sind gleich mehrere Dinge bemerkenswert: zum einen ist es die offenbare Unfaehigkeit der etablierten ‘linken’ wie rechten Medien, die seit langem der Wissenschaft bekannten scheinbar disjunkten Diskurssphaeren auf Seiten der ‘neuen Rechten’ auch nur mit rudimentaerer Sicherheit zu benennen, zum anderen ist es das peinliche Vermeiden der Benennung der eigentlich doch sattsam bekannten deutschen Vertreter von der Kategorie des Attentaeters Terroristen, die tatsaechlich unterhalb dieses Schweigens stattdessen einiges an ‘Krokodilstraenen’ in ihren blogs und Zentren des Hasses zu bieten haben. Eine besonders groteske Form dieses Schweigen-muessens liefert wie immer der Tagesspiegel ab, der sich ernsthaft fragt, wie es zu diesem ‘Erstarken des Rechtspopulismus in Schweden, Finnland, Daenemark und Norwegen’ habe kommen koennen, unfreiwillig komisch, aber wir befasen uns mit anderem, genauer gesagt mit der Diskurssphaere der ‘universalistischen Rechten’, der der Terrorist zweifellos zuzuordnen ist.
Kurz zur Information: die ‘universalistische Rechte’ proklamiert in Wiederaufnahme kolonialer ‘Ideen’ die Überlegenheit des europaeischen Werte- und Menschenbildes, projiziert dieses scheinbar wohwollend auf ‘Amerika’ und Israel und unterwirft ihrer Gegenerschaft alles, was dieser ‘Achse des Guten’ zu widersprechen scheint oder wirdersprechen zu muessen meint, eine Unterart der ‘universalistischen Rechten’ ist deshalb der Islamophobe a la PI, Stadtkewitz, Wilders und Konsorten. Dass und warum aber die sog. ‘universalistische Rechte’ im allgemeinen auf das trefflichste mit der ‘ethnopluralen Rechten’ a la Benoist zu harmonieren vermag, solange es nur darum geht, die essentiellen Feinde, als das waeren die Antirassisten, zu kennzeichen, soll hier kurz beleuchtet werden. Zunaechst sei auf einen, achtung sehr kruden Text der Anthroposophen verwiesen, die als traditionelle (rechte) ‘Ethnopluralisten’ exakt den antirassistischen Linken, nicht etwa den rechten ‘Universalisten’ unter scheinbarer Benutzung von Argumenten des franz. Philosophen André Taguieff vorwerfen, nicht nur Rassismus durch die Hintertuer einzufuehren, indem einerseits essentialistische Weltbilder durch entweder pures Anbiedern an die ‘Differenz’ oder aber deren Gegenteil, das *Gleichmachen* jewedweder Differenz produziert wuerden, beides ist den Augen der Anthroposophen darueber hinaus bemerkenswerterweise offenbar eine natuerliche Folge einer re-Adaption ‘universalistisch-individualistischer moderner’ Konzepte, die man als guter Esoteriker natuerlich verdammt:
Die Moderne ist – seit dem Anbruch der Neuzeit – individualistisch. Sie wertet das Individuum gegenüber dem gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Ganzen auf. Der Rassismus, der aus dem Zerfall der Einbindung des Individuums in ein Gemeinschaftsganzes (Religion, Stände, Berufskorporationen, Familie, Ethnien) hervorging, also konstituierende individualistische Züge aufweist [!], beruht ebenso wie der Antirassismus auf der individualistischen Ideologie. Rassismus und Antirassismus teilen kritiklos die meisten grundlegenden Axiome des Individualismus und stellen zwei miteinander konkurrierende Varianten desselben dar.
Ja, der Individualismus als Kulturverfall, die guten alten Staende als Rassismuswall, das verlorene Gemeinschaftsgefuehl, das Schwanken zwischen Individualismus und ‘Menschheit’, eine klassische rechtskonservative Ideologie hingegen, die all diesem das konkrete Etwas des lokalen und nationalen Kollektivs entgegensetzt und die es gar in Form von ‘Kraft durch Freude’ und Hitlerjugend bis in das nationalsozialistische Bewusstsein der ‘deutschen Moderne’ geschafft hat, aber das ficht den Anthroposophen von heute natuerlich nicht an. Nach einigem weiteren wirren Gelaber ueber Gemeinschaft, Kollektiv und ‘Moderne’ deutet man als Wurzel all jener diskursiven Uebel den Universalismus der ‘Antirassisten’:
Die Ideologie der Moderne ist hochgradig individualistisch und universalistisch zugleich, sie wertet die vermittelnden kollektiven oder kommunitären Sphären ab, und damit auch die Unterschiede zwischen Nationen, Kulturen und Völkern, um das Individuum von den »Fesseln des Kollektivs« zu befreien. Der Antirassismus erbt die Parteinahme für das Universelle, er erhebt sie zum Dogma. Die universalistische Position verpflichtet zum Glauben an die Gattung [?!], auf den sich der vulgäre Antirassismus reduziert.
Wie wirr und vulgaer (‘Individualismus= Universalismus=Gattung’) man aber selbst denkt, hierbei natuerlich auf duemmliche Art Formeln der kritischen Theorie aufnehmend, wird in folgendem Absatz aber hinreichend klar:
»Rassisten« und Antirassisten reagieren unterschiedlich auf die Krise, von deren Realität beide überzeugt sind. Erstere wehren sich gegen eine drohende Invasion oder Zerstörung der Identität der Gemeinschaft, einen drohenden Raub des Arbeitsplatzes oder eine Vergewaltigung des Nationalkörpers [!]. Die Antirassisten sehen in dieser Reaktion den spezifischen Rassismus von xenophoben Nationalisten. [Hervorhebung von ak]
Sicherlich, wer hier die implizite Parteinahme nicht herausliest muss schon einige Datteln vor den Augen haben, deshalb wenden wir uns nunmehr durchaus angeekelt von den Anthroposophen dieser Tage ab und schauen uns an, wie die junge world stattdessen von einem mehr als zweifelhaften Universalismus-Begriff a la anti-Deutschen oder PI zu einem aufgeklaerten Antirassismus und Universalismus zu kommen gedenkt, zunaechst skizziert man mit einigem Recht, dass ein eurozentrischer ‘Universalismus’ in der Konsequenz in bester Kolonialtradition ungefaehr homolog auf die ethnoplurale Segregation der ‘globalisierungskritischen Rechten’ a la Benoist hinauslaeuft, mit dem Unterschied vielleicht einer Betonung europaeischer Hegemonie:
Die zweite Position findet sich im antideutschen Spektrum. Hier wird die »westliche Zivilisation« gegen den Islamismus, zunehmend auch: gegen den Islam, hochgehalten. Und es wird, wie anlässlich des Irak-Kriegs, der bewaffnete Import »bürgerlicher Verkehrsformen« in außereuropäische Kontexte befürwortet. Zweifellos ist eine Bekämpfung des Islamismus geboten und eine rationale Kritik am Islam als religiös-ideologischem System bzw. an verschiedenen islamisch begründeten Alltagspraktiken dringend nötig [nun ja]. Aber schon die naiv-unmaterialistische Basis, von der aus solche Positionen in den meisten Fällen formuliert werden, macht sie für eine antiherrschaftliche Gesellschaftskritik unbrauchbar.
Aus unserer Perspektive ist hier sicherlich das Wort vom ‘anti-herrschaftlichen’ Diskurs, dessen Negativ exakt den Kitt zwischen rechten Ethnopluralisten und ‘Universalisten’ bildet, ausschlaggebend, das Dispositiv der ‘Herrschaft’ unterliegt, in jeweils alternierenden Formen, sowohl dem rechten Diskurs um eine (achtung Floskel) ‘friedliche Koexistenz’ der Kulturen sowohl wie dem um die angebliche Bedrohung der ‘universellen Werte der Europaer’ durch das ‘andere’, es geht beiden Diskursen letztlich, in scheinbar disjunkten Verkleidungen, um nichts anders als um eine Fortsetzung (post)kolonialer Diskurse um ‘konstituierende Differenz’, ‘Leitkultur’ und Herrschaft, paradoxerweise wird exakt das scheinbar universelle Vehikel der Menschenrechte hierzu gebraucht, als angebliches Derivat der europaeischen Kultur und universalistisches Prinzip einerseits oder aber als angebliches Korrelat von ‘Differenz’ und ‘essentiellem Anderssein’ andererseits, beide Argumentationen berufen sich implizit oder explizit auf einen effektiven Primat der (europaeischen) Kultur in der globalen Deutung und im scheinbaren Schutz des Prinzips Menschrecht. Doch gehen wir zurueck zur jungle world, hier schlaegt man in Ablehnung beider Positionen vor:
Demgegenüber soll hier für eine dritte Position plädiert werden: gegen Rassismus (auch in seiner kulturalistischen Spielart) und für die Verteidigung des universalistischen politischen Anspruchs auf Emanzipation, der von einer grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen ausgeht. Dabei muss genauer bestimmt werden, was unter Universalismus zu verstehen ist. Es geht um zweierlei: einerseits um einen Anspruch, der aus einer politischen Perspektive formuliert wird und damit »situiert« ist; andererseits um ein antiherrschaftliches Projekt, dass sich von uniformierend-verallgemeinernden Universalismen, die herrschaftlich, »von oben« durchgesetzt wurden und werden, unterscheidet. Kurzum: Der Bewertungsmaßstab für Universalismus sollte seine herrschaftssubvertierende oder -stabilisierende Wirkung sein.
Um schliesslich noch weiterhin zu illustrieren, dass das Element der Herrschaft ganz unterschiedliche Vertreter der neuen Rechten zu einen scheint, sei auf folgendes Buch des Soziologen Volker Weiss verweisen, der die elitistische Grundstruktur der anti-republikanischen Stroemungen der Weimarer Republik in den neuen rechten Demagogen der Gegenwart wiederauferstehen sieht, wir kommen hier zurueck auf die bekannten Figuren, hier sittsam geeint in einer Koalition des neuen wohlsituierten Klassen- und ‘Rassen’duenkels:
Die Forderung nach »Elite« hat Konjunktur. Dabei wohnt der Debatte die Tendenz inne, vom Bestehen gesellschaftlicher Funktionseliten auf die Existenz einer generell höher begabten Menschengruppe zu schließen. Die Befähigung zur »Elite« wird schließlich auf die biologische Disposition einer privilegierten Gruppe zurückgeführt: ihre »Rasse«, vererbte Intelligenz oder genetische Veranlagung.
Volker Weiß analysiert, wie sich das Bedürfnis nach Abgrenzung einer Elite in Deutschlands jüngerer Vergangenheit äußerte: von Ortega y Gasset und Friedrich Sieburg über Botho Strauß bis hin zu Peter Sloterdijk und Thilo Sarrazin. Er weist nach, dass dieses Bedürfnis nach »Elite« in direkter Tradition der republikfeindlichen Theoretiker der Weimarer Zeit steht und heute von einer »neuen« Rechten befeuert wird, der an einer konservativen Revolution gelegen ist. Ihr Ziel ist die Revision gesellschaftlicher Liberalisierungen seit dem Ende der sechziger Jahre. Neu ist, dass sich diese Strömung nicht nur mit dem Gestus der Opfer und Tabubrecher präsentiert, sondern dass sie mit dieser Strategie Erfolg hat.
Traverser les lignes rouges
An dieer Stelle sei den getreuen Lesern vielleicht ein Hinweis in eigener Sache gestattet: unter obigem Titel findet man seit kurzem hier eine gewissermassen unverbindliche und nicht-repraesentative Auswahl der ‘besten’ nicht-essayistischen und leider groesstenteils wenig ‘politischen’ Prosatexte aus diesem blog sowie noch ein wenig, nun ja, Lyrik, sowie fernerhin einige bisher unveroeffentlichte Texte inkl. der überaus weit ausholenden Geschichte ‘Das Meer’. Überfluessig zu erwaehnen, dass jedwede Prosa und Lyrik in diesem Band auf frei erfundenen Begebenheiten basiert, Aehnlichkeiten mit lebenden (oder verstorbenen) Personen rein zufaellig sind etc. und insbesondere keinerlei biographische Bezuege existieren, ein Punkt den hier zu erwaehnen von allergroesster Wichtigkeit erscheint. Wen es interessiert, bitte kaufen, in Kuerze wird das Ganze hoffentlich auch als Billig-ebook erscheinen (wen’s nicht interessiert: auch kaufen, danke). Ferner sei noch angemerkt, dass diese Texte als ‘kuenstlerisches’ oder historisches Dokument die Geistesverfassung des Autors zur Zeit ihrer Entstehung spiegeln, und deshalb durchaus nicht alle geeignet sind, den Masstaeben fortgeschrittener emanzipativer Diskurse vollstaendig zu genuegen, man moege das mit Hinweis auf das in diesem blog diskutierte und die (weisse, prvilegierte) Sozialisation des Autors im Einzelnen entschuldigen.
Yolanda traegt ein wunderbar blau-weiss gebluemtes Kleid, das irgendwie, wie ich sofort denke, alternativ aussieht, sie ist ein wenig klein, hat blonde Locken und ein ein wenig veraengstigtes Lachen auf ihrem runden jungen Gesicht, das mich fragt, ohne etwas zu sagen: Gibst du mir von deiner Schokolade. Und ich frage sie auf englisch, ob sie nicht etwas von meiner Schokolade abhaben will und sie antwortet ‘certainly, thank you’ und ich frage sie, wo das Meer sei, ich deute auf die niedrigen gruenen Buesche, die vorbeihuschen, auf den Horizont, und frage sie, wo das Meer sei. ‘The sea! The sea!’ antwortet sie, lacht einen Moment spoettisch auf und verschwindet mit der Haelfte der Schokolade im Gang.